Maschenmästende Nadelhexen? Voll patent!

Ihr Lieben,

heute will ich euch mal wieder mit etwas Technischem erfreuen. Es soll ja immer noch Menschen geben, die zum neuen Jahr gute Vorsätze fassen und ein paar von denen (euch?) haben sich, so hörte ich, vorgenommen 2016 etwas Neues zu lernen. Aha! Wie wärs denn mit Vollpatent? Oder Brioche? Ich empfehle beides, es ist nämlich das Gleiche ;P

Patentgestricktes ist wirklich eine extrem feine Sache. Es ist elastisch, flauschig-weich, luxuriös-voluminös, rollt sich nicht ein, ist von beiden Seiten schön anzusehen, eignet sich perfekt für bunte Wolle und ermöglicht – zweifarbig gearbeitet* – sogar seltene Längsstreifen (wobei ich jetzt nicht auf eine schlank- wohl aber auf eine cool machende Optik schwören würde ;))

Bild für Beitrag „Patent“ 1

Im Grunde ist Patent (engl. Brioche) nur eine pausbäckige 1×1-Rippenmuster-Variante und gar nicht so schwer zu stricken wie manch einer befürchtet. Ehrlich wahr! Der ganze Trick besteht eigentlich nur darin, die Maschen abwechselnd zu stricken beziehungsweise mit Umschlag abzuheben, so dass sie dick und flauschig werden.

Einfarbiges Patent in Reihen

Das Abheben mit Umschlag ist lachhaft einfach: Faden nach vorn, Masche wie zum Linksstricken abheben und dabei den Faden über die abgehobene Masche nach hinten legen. Dabei entsteht so etwas wie eine Doppelmasche (nicht so wie die bei den verkürzten Reihen sondern eher eine normale Masche mit Überwurf). Die nächste Masche wird fleißig abgestrickt und die danach wieder mit Umschlag abgehoben. In der Rückreihe und jeder weiteren Hin- und Rückreihe  werden dann stets die Doppelmaschen rechts (und zwar die Masche mit dem Umschlag zusammen) abgestrickt und die Einzelmaschen mit Umschlag abgehoben. Total leicht! Schauen wir es uns doch mal praktisch an:

Die Dame zeigt uns hier: Eine Randmasche rechts (geht auch schöner, siehe unten), Einzelmasche abheben mit Umschlag, Doppelmasche rechts zusammenstricken, Einzelmasche abheben mit Umschlag, Doppelmasche rechts zusammenstricken … immer schön abwechselnd. Fällt euch was auf? Ist wie bei Hänsel und Gretel: Die dünnen Einzelmaschen müsst ihr noch mästen und die dicken Doppelmaschen strickt ihr schnell ab bevor Gretel euch in den Ofen schmeißt. Ihr Hexen! 😀

Rückreihe genauso: Einzelmaschen mästen, Doppelmaschen wegstricken. Das ist es schon. Wenn ihr das könnt, könntet ihr zum Beispiel jetzt gleich sofort Matariki stricken 🙂 Oder falls ihr gerade kein passendes Baby zur Hand habt, vielleicht lieber einen dicken, weichen, kuschligen Schal. Als Anschlagmethode eignet sich alles was nicht unbedingt superfest ist. Elegant ist ein I-Cord-Anschlag (gegebenenfalls auf etwas größerer Nadel), denn dann kann man auch die Ränder und den Abschluss wunderbar mit I-Cords einfassen.

Einfarbiges Patent in Runden

Ein winziges bisschen anspruchsvoller wird es, wenn einfarbiges Patent in Runden gestrickt werden soll. Auch hier sollen die Maschen abwechselnd gestrickt und mit Umschlag abgehoben werden, aber da dabei immer auf der Vorderseite gearbeitet wird (keine Rückreihen) und wir es, wie schon erwähnt, mit einen 1×1-Rippenmuster zu tun haben, kommt neben dem Doppelmasche-rechts-zusammenstricken (auf englisch übrigens brioche knit, abgekürzt: brk, gesprochen: bark) das wir schon kennen, in jeder zweiten Runde stattdessen das ebenso simple Doppelmasche-links-zusammenstricken (englisch brioche purl, alias brp, verbal burp) zum Einsatz.

Spult gleich vor bis 01:47, dort könnt ihr sehen, wie eine dünne Masche gemästet (abheben mit Umschlag) und dann eine dicke Hänseldoppelmasche links abgestrickt wird. Das macht ihr bis zum Rundenende. Dann folgt eine Runde *Doppelmasche rechts, mästen* und dann wieder *mästen, Doppelmasche links*. Immer im Wechsel.

Das kann – Briochefans werden wissend nicken – richtig hypnotisch sein. Nach einigen Reihen (im Video ab 02:33) wird das Muster dann auch ersichtlich und ihr könnt jederzeit sehen, was als nächstes zu tun ist. Denkt einfach daran: Einzelmaschen müsst ihr mästen (immer gleich) und Doppelmaschen abstricken. Für jeweils eine ganze Runde gilt: Wenn unter den Doppelmaschen schon eine ganze Bande rechte Maschen rumhängt, strickt sie rechts. Wenn der Unterbau aus linken Maschen besteht, dann eben links.

Zu beachten ist außerdem Folgendes:

Durch die regelmäßigen Umschläge frisst Patent richtig viel Garn – etwa die Hälfte mehr als für glatt rechts Gestricktes. Klar, irgendwo muss das Volumen ja herkommen. Der prachtvolle Flausch frisst nicht nur 50 % mehr Garn, er wird natürlich auch entsprechend schwerer. Ein Vollpatentpullover aus recycelter Baumwolle führt möglicherweise zu Schulterschmerzen und kann durch sein Eigengewicht und die vielen willenlosen Umschläge etwas an Form verlieren. „Ach, das ist aber ein hübsches Zelt, das du da heute an hast. Darf ich auch noch mit reinschlüpfen?“ wäre ein nur leicht überspitzter Kommentar 😉

Nehmt also, um „die Form zu wahren“, im Optimalfall leichtere Garne (DROPS Air ist absolut perfekt, Malabrigo Merino Worsted und Kollegen machen sich aber auch sehr gut) die ein bisschen „Grip“ haben (DROPS Karisma fällt mir da gleich noch ein). Mehrfach gelesen habe ich jetzt auch den Tipp, mit der Nadelstärke 1 bis 1,5 Stärken nach unten zu gehen. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich bereits jeden einzelnen Garn- und Nadelwahltipp schon einmal missachtet und war trotzdem immer zufrieden 😉

Ganz wichtig ist dies: Fehler im Patent sind leider weder unsichtbar noch lustig. Wenn ihr sie nicht mit grenzenlosem Selbstvertrauen als Ausdruck eurer Individualität verkaufen möchtet, habt ihr drei Möglichkeiten:

  1. Macht keine.
  2. Verwendet regelmäßig Safety Lines.
  3. Versenkt euch in eine schweißtreibende, dreißigminütige Meditation und außerdem in die Eingeweide des verhexten Vollpatents, lasst Maschen fallen und holt sie wieder hoch, betet, dass alle Umschläge sitzen, und wendet euch fortan 1. und 2. zu 😉 Falls ihr das wirklich mal machen müsst: dieses Video (englisch) hilft ganz gut.

Sooo, ihr Nadelhexen. Hihihihihi! Ich hoffe der eine oder andere Patentneuling traut sich jetzt freudestrahlend an die Technik heran. Für Fragen nutzt gern die Kommentarfunktion 🙂

*Der Beitrag zum zweifarbigen Patent folgt in Kürze.

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Kommentare

  1. Von Anette am 13. Februar 2016:

    Liebe Antje,

    habe vor 3 Wochen meine ersten Erfahrungen in Vollpatent gemacht und bin gleich zweifarbig in “Briochealicious” gesprungen. Mit Malabrigo Socks und Alpaca. Bin total begeistert, habe aber -wie schön von Dir beschrieben- den ein oder anderen Fehler, den ich aber durchaus als individuelle Auslegung des Musters bezeichnen werde 🙂 ( bei meinem ersten Übungsstück durchaus vertretbar) Danke für Deinen Beitrag und eine Frage. was ist das für ein schönes Blau und mit welcher Wolle ist Deine Vorlage gestrickt?
    Liebe Grüße
    Anette

    • Von Antje am 13. Februar 2016:

      Hallo Anette,
      Daumen hoch! Das nenn ich Sportsgeist (oder so) 🙂
      Auf dem Foto oben siehst du Matariki, die kleinere in DROPS Big Merino jeansblau. Schön, nicht wahr? 🙂

    • Von Antje am 15. Februar 2016:

      Halt, alle Maschinen stop! Es ist nicht jeansblau sondern Vergissmeinnicht 🙂 Sorry!

  2. Von Tanja am 13. Februar 2016:

    Liebe Antje,
    das ist so genial erklärt!
    …und ich hab mir zwar keine Vorsätze eingeredet….aber das muss ich unbedingt mal probieren!
    Vielen Dank!
    Liebe Grüße
    Tanja

    • Von Antje am 14. Februar 2016:

      Hey Tanja,
      beides sehr vernünftig 😉 Viel Spaß und liebe Grüße!

  3. Von Annette am 13. Februar 2016:

    Ihr Lanade-Damen könnt einen ja ganz schön anfixen. Super Erklärung.
    Mal ‘ne Frage zu den bunten Brioches (ja, die von Herrn West): wird da mit unterschiedlichen Garnstärken gearbeitet?

    • Von Antje am 14. Februar 2016:

      Hey Annette,
      nicht zwingend. Stephen kombiniert durchaus mal DK-Stärken mit Worsted-Garnen aber eher weil es gerade verfügbar ist und geht als absichtlich und um einen bestimmten Effekt zu erzielen 😀

  4. Von Klara am 25. Februar 2016:

    Hallo. Ich verfolge Euren Blog schon seit längerem und finde ihn einfach großartig! Habe erst vor 4 Jahren mit dem stricken angefangen, als meine erste Tochter auf dir Welt kam. Sie bekam einen kleinen Pullunder. Für mich das beste Kleidungsstück für einen Krabbler, denn der Bauch bleibt so immer warm:) …zurück zum Thema: als ich Deine Decke sah hatte ich die Idee eine Art Decke, aber deutlich länger, zu stricken, damit sie es später, wenn sie größer oder auch schon erwachsen ist, als Schal bzw. Schulterverletzung tragen kann. Welche Wolle aus dem Drops oder Malabrigo Segment ist jetzt aber so robust, um nicht nach 4-5 Jahren Löcher zu bekommen? Liebe Grüße, Klara

  5. Von Klara am 25. Februar 2016:

    Ich nochmal. Ich “liebe ” diese Autokorrektur! Es sollte natürlich Schulterwärmer und nicht Schulterverletzung heißen!

  6. Von Kirsten am 27. Januar 2017:

    Hallo Antje,
    Du schreibst ganz vorne, dass Du noch Randmaschen-Alternativen vorschlagen wolltest (hab ich zumindest so verstanden). Was wäre denn Dein Favorit?

  7. Von Labskaus am 10. Oktober 2018:

    Ich meine, man kann die Maschen auch einfach tief ein stechen. Also bei hin und Rückreihen die rechten M. und bei Runden eine Runde re. M.Bund 1R. li. M.

    Ist das korrekt? Es dauert zwar länger, aber ich spare mir die Umschläge. Auf englisch nennt man das Patentmuster anscheinend Fishermans Rip.

  8. Von Sandra Kosanovic am 13. Januar 2019:

    Hallo. Ich möchte einen loopschal im vollpatent stricken. Muss ich da mehr Maschen anschlagen als wenn ich nur rechte Maschen stricke?

    • Von Antje am 14. Januar 2019:

      Liebe Sandra,
      darauf gibt es nur eine gute Antwort: Sie fängt mit “Maschen-” an und hört mit “-probe” auf. 😉
      Im Ernst, Vollpatent verhält sich je nach persönlicher Fadenspannung und Garnmaterial so unterschiedlich im Vergleich zum gleichen Garn glatt rechts verstrickt, dass man das einfach nicht pauschal beantworten kann. Mach also ein Pröbchen und vermiss das, dann bist du schlauer und siehst auch gleich wie die Farben (falls zweifarbig) zusammen wirken 🙂

  9. Von Birgit Schäfer am 12. August 2019:

    Hallo liebe Lanadaner, ich hätte gerne den Unterschied zwischen Glattpatent und Vollpatent gewusst. Vielen Dank für eine Antwort.

    • Von Antje am 13. August 2019:

      Hallo Birgit,
      “Glattpatent” ist ein Begriff für glatt rechts gestricktes Patentmuster. In Runden strickst du dabei immer: *1 abheben mit Umschlag, 1 rechts mit ihrem Umschlag zusammen* und in der nächsten Runde: *1 rechts mit ihrem Umschlag zusammen, 1 abheben mit Umschlag*. In Reihen auf der Vorderseite: *1 abheben mit Umschlag, 1 rechts mit ihrem Umschlag zusammen* und auf der Rückseite: *1 links mit ihrem Umschlag zusammen, 1 abheben mit Umschlag*. Es gibt auch ein paar Videos bei Youtube die das demonstrieren 🙂 Viel Erfolg!

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