Gletschergeschichten

Ich liebe es ja, wenn Dinge zusammenpassen und Selbstgestricktes Geschichten erzählt. Kennt ihr das auch?

Mein Glacier Sweep, ein halbrundes, in fünf Teilen gestricktes Tuch, das ich gerade fertiggestrickt habe, ist so ein Teil. Ich will es euch heute vorstellen und ein paar seiner Geschichten erzählen 🙂

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Teil 1 – Ein neues Garn

Schon lange lag die Anleitung für den Glacier Sweep (englisch, ungefähr: „Gletscherbogen“) auf meiner Festplatte herum. Ich hatte sie irgendwann in einem Anfall von „Jetzt kaufe ich ganz Ravelry!“ auf die hohe Kante gelegt, aber nie tauchte in meinem stetig wachsenden Wollvorrat das passende Garn dafür auf. Bis Malabrigos Mechita auf der grünen Lanade-Weide erschien.

Spätestens nach Tims Blogartikel mit den Mechita-Farbimpressionen wusste ich: da ist es ja endlich! Das Garn für den Glacier Sweep. Doppelfädig würde ich arbeiten – aus zwei Gründen: Erstens, um in die Nähe der richtigen Maschenprobe zu kommen und zweitens, um einen klugen Effekt zu nutzen, der mir schon vorher in den Kopf gekommen war:

Wer schon mal Malabrigo-Garne bei Lanade bestellt hat, kennt das kleine Beiblatt auf dem unter anderem empfohlen wird, abwechselnd von zwei Strängen zu stricken, um ein gleichmäßiges Ergebnis zu erhalten. Ein kleiner Aufwand – aber ein Aufwand. Doch aufgepasst: Wer doppelfädig strickt, der spart sich das Abwechseln am Runden- oder Reihenanfang, weil er ja gleichzeitig von zwei verschiedenen Strängen sein Garn bezieht. Den Effekt mit dem ebenmäßigen Farbergebnis gibt’s quasi geschenkt!

Ich ergatterte drei Stränge der Farbe 895 Dried Orange und legte los.

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Teil 2 –Ein tolles Festival

Was ich ebenfalls ergattert hatte, waren Tickets für Berlin Knits. Ein fantastisches Wollfestival mit vielen internationalen Designern, einem bunten Marktplatz und dem Großteil der Berliner Lanade-Szene auf die ich mich schon wahnsinnig freute 🙂 Während der vierstündigen Zugfahrt nach Berlin wuchs der kleine orangefarbene Gletscher recht ordentlich und war später auf der Veranstaltung überall dabei. In den Workshops, im Restaurant und im Café und auch bei den nächtlichen Strickrunden mit Carolin, die ich erfreulicherweise als Hausgast hatte, bekam das Tuch etliche Streicheleinheiten und viele neue Reihen.

Teil 3 – Ein bunter Hund (äh, Designer)

Außerdem bei Berlin Knits dabei: der Designer des Glacier Sweeps höchstpersönlich. Kennt ihr Stephen West? Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich ihn „die schillernste Perle im Ozean der Strickdesigner“ nenne 😀 Stephen ist abgedreht, bunt, authentisch und einfach sooo zauberhaft! Das merkt selbst die letzte Berliner Omi, die ihm zufällig auf der Straße begegnet, sofort. Wirklich wahr! Auf einer Verkehrsinsel etwa 50 Meter vor dem Veranstaltungsort wurden wir von einer älteren Dame mit Einkaufsroller (oder, wie man in Berlin sagt, Hackenporsche) angesprochen: „Hammse die janzen Stricklieseln dahinten jesehen? Die vasammeln sich hier, kucken se mal. Aba een Mann is dabei – dit is Mista Strick!“, gefolgt von einem verzückten Grinsen. Keine Frage, wer da gemeint war 😀

Teil 4 – Eine irre Reise

Gegen Ende des Festivals waren die Reihen schon sehr lang geworden. Gut, dass wieder vier Stunden Zugfahrt vor mir lagen. Das Muster, abwechselnd glatt rechts gestrickte Bögen und verkürzte Reihen in kraus rechts, war sehr eingängig und machte Spaß. Ich freute mich also auf ungestörtes Dahinrasen durch Landschaft und Maschen, kein Umsteigen, keine Anstrengung. Einfach eine kleine Auszeit. Pah, von wegen! Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, aber die Zugfahrt, die ich bekam, war mindestens so abgedreht wie Mister Strick. Ein Zug-Totalausfall nach Zusammenstoß mit einem Fischreiher(!), eine Odyssee auf Gütergleisen und zu guter Letzt eine halsbrecherische, nächtliche Taxifahrt werden mir immer in Erinnerung gerufen, sobald ich die letzten Reihen des Glacier Sweeps sehe.

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Teil 5 – Eine fantastische Gruppe

Eine sehr kurze Nacht in den Knochen, machte ich mich für den Endspurt bereit. Das Tuch sollte mit einem i-Cord (Strickkordel) in Kontrastfarbe abgekettet werden, also stand eine Farbentscheidung an. Nach einigem völlig erfolglosem Hin- und Hergeschiebe mit erst halboffenen Augen vertraute ich mich der Schwarmintelligenz unserer wunderbaren Lanade-Facebookgruppe an. Da wird man nämlich immer geholfen 😉

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Ich zeigte ein Foto mit den Alternativen, bekam innerhalb kürzester Zeit ganz viel Feedback und bin absolut glücklich mit der Wahl, die sich dann herauskristallisierte. Mechita 121 Marte: wunderschöne Rot-, Lila- und Orangetöne die perfekt zu Dried Orange passen. Und bunt! Bunt wie die Gruppe mit ihren vielen kreativen und klugen Mitgliedern, bunt wie Mister Strick (nur nicht ganz so neonfarben) und bunt wie die Geschichten zu diesem Tuch. Ich liebe es wenn Dinge zusammenpassen 🙂

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Hier noch mal die Details:

  • Größe: circa 130 × 65 cm
  • Garn und Verbrauch: Malabrigo Mechita, doppelfädig, circa 260 Gramm 895 Dried Orange und 15 Gramm 121 Marte
  • Nadelstärke: 4,5 mm
  • Anleitung bei Ravelry: Glacier Sweep (Version „heavy worsted weight“)
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Kommentare

  1. Von Helga Dorn am 03. Juni 2015:

    Wunderschönes Tuch und noch schönere Geschichte.

  2. Von Claudia am 03. Juni 2015:

    Wunderschönes Tuch , besonders die Farbe kommt sofort auf meine Wunschliste

  3. Von Maria am 04. Juni 2015:

    Ich lese deine Artikel wirklich gerne. Ganz besonders, wenn ich bei einem kleinen Teil der Reise des Glacier Sweeps dabei war!

  4. Von birgit am 04. Juni 2015:

    Kinners, Ihr dürft nicht immer neue tolle Sachen zeigen, wenn ich mich doch für die „alten“ noch nicht entscheiden konnte ;)).
    Wirklich schönes Teil und mal nicht eckig !

  5. Von Kathi am 08. Juni 2015:

    Der bunte Abschluss ist ja klasse. Den brauch ich auch!

  6. Von Marion am 09. Juni 2015:

    Das hast Du so schön geschrieben und das Tuch sieht fantastisch aus!

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