Ode an den I-Cord

Ein I-Cord ist ein wunderbares Ding. Ein Multitalent: Eine schlichte Kordel, aber gleichzeitig auch der glatteste, vielseitigste Abschluss, den man mit zwei Nadeln produzieren kann. Und zwar sowohl im Anschlag als auch beim Abketten und an seitlichen Kanten. Und er ist nicht mal kompliziert. Fast zu schön, um wahr zu sein.

Viele von uns haben ihn schon in frühester Jugend kennen und lieben gelernt. Mit dem kleinen, oft leicht debil grinsenden und definitiv hohlköpfigen Holzprinzesschen mit metallener Krone in der Hand haben wir teilweise ebenso debil aber verzückt grinsend kilometerweise was produziert? Kordeln. Und zwar genau die Art, die man mit weniger Aufwand, aber identischem Ergebnis, auch auf zwei Nadeln produzieren kann.

Die Technik ist so simpel, dass ihre Erfinderin, die Grande Dame des Strickens, Elisabeth Zimmermann, das Teil doch tatsächlich durch Zufall entdeckt und Idiotenschnur (engl. idiot cord, kurz „I-Cord“) genannt hat 😀

Bild für Beitrag „iCord“ 1

Also, wie geht das nun?

  1. Eine kleine Anzahl Maschen auf einer Nadelspielnadel anschlagen. Üblich sind drei; zwei oder vier funktionieren aber auch gut.
  2. Die Arbeit nicht wenden, sondern die Maschen zum anderen Ende der Nadel schieben.
  3. Alle Maschen rechts stricken.

Da der Faden für die erste Masche von der anderen Seite des Strickstücks kommt, rollt es sich gezwungenermaßen nahtlos zu einer hohlen Schnur ein und sieht (nach ein paar Reihen) perfekt aus.

Jetzt wiederholt man einfach nur noch den zweiten und dritten Schritt bis zur Unendlichkeit oder bis die Kordel lang genug ist, um zum Beispiel den Ausschnitt eines Strickstücks in Form, die abgesetzte Lesebrille im Nacken, die wild gewordenen eigenen Kinder in Schach oder als Henkel oder Öse herzuhalten. Cool, oder?

Wenn Ihr einen I-Cord als Anschlag verwenden möchtet, tut das bitte, indem ihr zuerst eine solche Schnur produziert (so viele Reihen wie ihr Maschen braucht) und dann die Maschen aus der Seite heraus aufnehmt.

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Es kursieren auch Anleitungsvideos, laut denen man beim I-Cord-Stricken nur eine Zunahme zwischen die rechten Maschen schummeln muss, um deren Anzahl auf das gewünschte Maß zu erhöhen. Aber das sieht nur während des Anschlagens gut aus. Strickt man danach die erste Reihe respektive Runde, stellt man fest, dass sich die Maschen entsetzlich lang ziehen und fast wie Fallmaschen über drei Reihen wirken. Falls ihr das nicht zufällig gerade beabsichtigt: Finger weg.

Wer in Reihen strickt, kann auch seine seitlichen Kanten mit einem I-Cord perfekt einfassen. Dabei müssen nur stets die letzten 2, 3 oder 4 Maschen wie zum Linksstricken mit dem Faden vor der Arbeit abgehoben und in der nächsten Reihe rechts abgestrickt werden. Dadurch rollt der Rand sich ein und schliesst sich zum Kordelschlauch, in dem ihr bei mehrfarbigen Projekten übrigens manchmal sogar mitgeführte Fäden verstecken könnt 😀

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Und ja, natürlich kann man mit dem I-Cord auch abketten. Das ist so toll *händereib*

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Wenn man schon einen seitlichen I-Cord hat, kann man gleich loslegen. Wenn nicht, schlägt man zuerst seitlich Maschen an, und zwar eine weniger als der I-Cord-Abschluss dick werden soll. Das Video zeigt die Variante mit einem 3 Maschen breiten I-Cord.

Es werden also zwei Maschen angeschlagen (hier: aufgestrickt), und dann geht es los:

  • *zwei Maschen rechts, zwei rechts verschränkt zusammen
  • die drei Maschen, die jetzt auf der rechten Nadel liegen, werden nacheinander auf die linke Nadel zurückgehoben und dann geht die Prozedur ab * von vorne los, bis nur noch 3 Maschen übrig sind

Diese drei Maschen können nun entweder zusammengestrickt und mit einem Knoten fixiert werden oder ihr entscheidet euch für die Königsdisziplin und näht die letzten drei Maschen mit dem Anfang des I-Cords zusammen. Haltet dabei die Enden eurer I-Cords auf zwei Nadeln so zusammen, dass die rechten Maschen nach außen zeigen und die Innenseiten sich berühren.

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Lasst ein ungefähr 20 cm langes Ende, schneidet das Garn dort ab und zieht es auf eine stumpfe Nadel. Wie der Maschenstich funktioniert, zeigt euch das Video 🙂

Schwupps, schon fertig. Ist das nicht toll?

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Diese Rundum-Glücklich-Einfassung bietet sich besonders für Tücher und Decken an und wird zum Beispiel von Mr. Strick aka Stephen West sehr geschätzt und oft verwendet. Auch unsere Matariki hat einen Rundum-I-Cord. Den Anschlag und das Abketten könnt ihr aber auch bei so ziemlich allen anderen Projekten verwenden.

Manche Strickerinnen verwenden beim Abketten eine etwas größere, andere eine etwas kleinere Nadel (probiert es aus, falls ihr nicht zufrieden seid) aber prinzipiell hat eine jede I-Cord-Kante die richtige Mischung aus Elastizität und Formstabilität.

Ein I-Cord ist ein wunderbares Ding.

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Kommentare

  1. Von Eva am 03. Dezember 2015:

    Da hab ich mich auch noch nie rangetraut, aber muss ich probieren, da ich mich in Kürze mal an eure Matariki ranwagen will.

    Danke für die gute und ausführliche Erklärung.

    Die Wolle ist sehr schön, mit der du das zeigst – welche ist das und in welcher Farbe?

    LG Eva

    • Von Antje am 03. Dezember 2015:

      Hallo Eva, ja mach das unbedingt. Er wird dich begeistern 😀
      Das Garn ist Malabrigo Rios in der Farbe piedras 862

  2. Von Anja am 04. Dezember 2015:

    Das i-cord-Abketten hab ich schon ab und an gemacht – musste mir aber immer wieder vorher das Drops-Video anschauen 😉
    Und jetzt hab ich bald eine Babydecke fertig und werde da die i-cord-Umrandung machen, die die liebe Marisa vom Maschenfein-Blog als Tutorial gemacht hat. Bin schon ganz gespannt.
    Was ich Dich noch fragen wollte: Du strickst ja scheinbar sehr viel und so ganz nach meinem Geschmack: findet man Dich auch bei ravelry?
    LG
    Anja

    • Von Antje am 08. Dezember 2015:

      Hallo Anja,
      mich findest du bei Ravelry unter dem Namen „FortuneKnitMe“ Ich strick aber nur ab und zu was Kleines… ganz selten.. schwindel, schwindel.

  3. Von Ursula am 05. Dezember 2015:

    das ist ja die genialste Anleitung für fast alle „Probleme“ ganz herzlichen Dank.

    • Von Antje am 08. Dezember 2015:

      Ja toll, nicht wahr? Mich begeistert das auch immernoch und jedes Mal aufs Neue 🙂

  4. Von Katrin am 07. Dezember 2015:

    Hallo Antje,

    das ist wieder ein sehr gelungener Beitrag: informativ und kompakt und dann auch noch amüsant !

    Vielen lieben Dank 🙂

    • Von Antje am 08. Dezember 2015:

      Besten Dank, das hört sich sehr gut an 🙂

  5. Von Gudrun am 11. Januar 2016:

    Hallo Antje!
    Ich bin begeistert von deinem Beitrag. Den I-Cord (ich wusste gar nicht für was diese Abkürzung steht, hihi) finde ich klasse!
    Habe mr deinen Blog gleich mal abgespeichert.
    LG, Gudrun

    • Von Antje am 12. Januar 2016:

      Hallo Gudrun,
      wie schön, dann bis zum nächsten Mal 🙂

      Liebe Grüße!

  6. Von Martina am 26. Mai 2016:

    Hallo Antje,
    Ja, der I-Cord und der Stephen West, die lieben sich echt! Ich finde den I-Cord auch spitze, habe aber trotzdem noch eine Frage zum Thema. GIbt es sowas wie eine Faustformel, wie viel Garn so ein I-Cord „frisst“? Ich möchte ihn als Abschluss um ein TUch stricken, habe aber nur eine bestimmte Menge Garn. Ich möchte vermeiden mitten im Abketten feststellen zu müssen, dass das Gatn nicht reicht. Ich suche nach einer Formel so was wie “ ein Icord benötigt ca. 3 x mehr Garn als das normale Abketten ,oder so ähnlich. Präziser wäre besser, aber Überbeine Pi mal Daumen Rechnung würde chichi auch freuen.
    LG Martina

  7. Von Nicola Oltmanns am 24. September 2016:

    Endlich mal eine ausführliche Beschreibung, die auch in meinem Kopf bleibt. Das Abketten wusste ich schon, aber den I-Cord seitlich finde ich für Teile, die nicht zusammengenäht werden, auch genial. Wird das nicht ein bisschen steif, je nachdem, welches Garn und Muster ein Tuch hat?

    • Von Antje am 26. September 2016:

      Hallo Nicola,
      ja das stimmt. der Seitliche icord eignet deutlich besser für Muster die nur langsam in die Höhe wachsen (kraus rechts, Patent). Wenn du ein schneller wachsendes, seitlich stabiles Muster hast (zum Beispiel Rippen, Zöpfe), kannst du schummeln: einfach die ersten und letzten drei Maschen von vorn rechts und von hinten links abstricken – das ergibt einen Rollrand der auf den ersten Blick nicht von einem I-Cord zu unterscheiden ist.

      Alles Liebe!

  8. Von Gisa am 25. Februar 2017:

    Hallo, ihr Lieben – ich versuchs jetzt einfach mal hier, meine Frage loszuwerden. Bin ja begeisterte DROPS-Anleitungs-und-Wollanhängerin! :O)

    Ich möchte gern eine Pixiemütze stricken und sie mit einem I-Cord Rand im Nacken versehen. ABER – und das ist die Frage – WIE bekomme ich gleichzeitig vorher und nachher das Bindeband angestrickt? Geht das in einem Zug – und WIE? Oder muss man das getrennt machen und dann die Bändchen anbringen? Ganz, ganz lieben Dank für eine Antwort! Ich würde mich sehr freuen …

    Herzlichen Gruß ins Wochenende von Gisa.

    • Von Antje am 25. Februar 2017:

      Hallo Gisa,
      Spontan würde ich sagen: bereite die beiden Bindebändchen in der richtigen Länge vor und lass die letzten drei Maschen auf einer Extranadel. Dann strickst du deinen I-Cord Abschluss und wenn du an die Stelle kommst, an der die Bändchen sitzen sollen, hältst du die Extranadel hinter die linke Nadel und bearbeitest die Bändchenmaschen immer zusammen mit den nächsten drei regulären Maschen. So wie beim drei-Nadel-Abketten. Das ist zwar etwas fummelig – aber es sind ja nur drei Maschen 🙂

  9. Von Gisa am 11. März 2017:

    Ganz ganz lieben Dank!!! ♡♡♡ Das ist eine Super Idee!, liebe Antje! ♡♡♡ Entschuldige bitte, dass ich mich erst jetzt melde. Ich freue mich sehr über die nette Antwort! Also geht s so schnell wie möglich an die Nadeln!!! 🙂
    Einen frohen Sonntag wünscht dir (und dem ganzen tollen Team!)
    herzlichst Gisa.

    • Von Antje am 15. März 2017:

      Gerne, liebe Gisa 🙂 Danke für die lieben Grüße und Dir viel Spaß und Erfolg beim Umsetzen!

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