Späte Liebe: „Samen“ von Stephen West

Traurig, aber wahr: Im letzten Leben muss ich ein Schaf geschubst oder einen Topf Neonfarbe umgestoßen haben … oder irgendetwas in dieser Richtung. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich immer etwas hinterherhinke, wenn es um Stephen West und seine Strickmuster geht. Schlechtes Strick-Karma sozusagen.

Als eifrige Ravelry-Besucherin bin ich natürlich schon früh auf die bunten Stücke dieses außergewöhnlichen Designers gestoßen. Jeder schien etwas von ihm zu stricken, in jeder Suche tauchte mindestens eins seiner Tücher, Pullover-Dingsbumse oder Oh-Gott-sind-das-etwa-gestrickte-Unterhosen auf. Meine Reaktion war aber immer nur ein großes Fragezeichengesicht und ein vages „Meh.“ – zu bunt, zu eigenwillig, zu abgefahren.

Erst als Stephen West seine Brioche-Kollektion herausbrachte, hat es bei mir Klick gemacht und ich war mit einem Schlag ein Fan – vermutlich als allerletzte im Club. Während ich ganz aufgeregt durchs Internet gesprungen bin und „Hey Leute, kennt ihr diesen Stephen West?!“ gebrüllt habe, saßen Carolin und Antje schon auf einem mittelgroßen Berg Stephen-West-Projekte und strickten sich durch ihre 12-in-12-Challenge. Naja, besser spät als nie.

Spät dran war ich dann auch bei Stephen Wests Tuch „Samen“. Tausendmal auf Ravelry und in diversen Facebook-Gruppen gesehen, tausendmal gelangweilt weitergescrollt, selbst nachdem ich mit dem West’schen Fieber angesteckt war. Zu schlicht, zu simpel! Das ist doch nur ein Dreieckstuch mit ein paar Löchern drin, was haben die alle?

Bild für Beitrag „Samen Nina“ 1

Verstanden habe ich es erst, als Antje mir ihr Exemplar aus der traumhaft weichen Malabrigo Lace gezeigt hat. Das Garn ist zweifädig verstrickt wirklich sagenhaft, wundersam, wolkengleich weich und hat gleichzeitig genau die richtige Knautschigkeit. Und die Farben!

Nachdem ich diverse Ablenkungsmanöver ausgespielt habe, um immer wieder heimlich Antjes sagenhaftes Tuch befühlen zu können („Ich glaub, dein Handy hat geklingelt“, „Herrje, hab’ ich schon wieder deinen Reihenzähler vom Tisch gefegt? Dahinten ist er hingerollt.“, „Schau mal da, ein dreiköpfiger Affe!“) ging ich mit dem festen Plan nach Hause, meinen eigenen Samen zu stricken. Gesagt, getan!

Fünf Farben Lacegarn braucht man für das Teil, immer zwei werden zusammen in einem kraus rechts gestrickten Segment kombiniert. Auf einer Seite kommen außerdem noch glatt rechts gestrickte Keile mittels verkürzter Reihen hinzu, sodass man eine asymmetrische Form erhält, in die man sich wunderbar einwickeln kann.

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Die meiste Zeit strickt man also einfach nur rechte Maschen, was gut nebenher beim Fernsehen geht, aber durch die schönen Farben nie langweilig wird. Und gerade wenn man meint, jetzt langsam genug davon zu haben, kommt das nächste Segment mit einer neuen Farbkombi.

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Anleitung: „Samen“ von Stephen West
Garn: je 50 g Malabrigo Lace in 019 Pollen, 007 Cadmium, 072 Apricot, 039 Molly und 094 Bergamota
Nadeln: 3,5 mm

Pssst: Wer die Farbkombi nachstricken möchte, aber vor leergekauften Lanade-Regalen steht: Cadmium kann auch durch 096 Sunset ersetzt werden, Apricot durch 152 Tiger Lily und Bergamota durch 024 Vermillion.

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Ich fand meine Wahl sehr mutig – bis mir aufgefallen ist, dass ich mich beinahe bei jedem Projekt im Gelb-Orange-Pink-Spektrum bewege. Würde ich das Tuch noch mal stricken (was ich ganz bestimmt tun werde), würde ich also mal eine andere Kombi ausprobieren. Was mich zum Beispiel sehr reizt, ist eine violette Variante mit dunklen Anklängen, zum Beispiel mit 034 Orchid, 193 Jacinto, 097 Cuarzo, 023 Pagoda und 195 Black.

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Oder aber eine ganz zart-pastellige Version mit 063 Natural, 083 Water Green, 009 Polar Morn, 244 Brisa und 416 Indiecita als Farbklecks.

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Wer richtig mutig ist, kann natürlich auch Knallfarben verwenden: 093 Fucsia, 022 Sauterne, 193 Jacinto, 135 Emerald und 148 Holly Hock zum Beispiel?

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Bei der Farbwahl kann man sich wirklich nach Lust und Laune austoben. Denkt bei der Auswahl und Reihenfolge daran, dass eine Farbe immer mit der nächsten kombiniert wird, also erst Farbe 1 und Farbe 2 zusammen verstrickt werden, dann Farbe 2 und Farbe 3, dann Farbe 4 und Farbe 5 und am Ende wieder Farbe 5 und Farbe 1. Dementsprechend könnt ihr euch überlegen, ob die Kombis sanft ineinanderfließen oder richtig Schmackes haben sollen.

Das Ganze geht natürlich nicht nur mit der Malabrigo Lace, sondern auch mit anderen Garnen. Wer Alpaca am Hals etwas besser verträgt als ich, wird bestimmt mit einem Tuch aus DROPS Lace sehr glücklich. Und auch aus der etwas dickeren DROPS Baby Merino lassen sich wunderschöne Samen-Tücher stricken. Da lässt man dann einfach nur das letzte Segment weg, damit es nicht zu groß wird. Oder auch nicht. Big is Beautiful!

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Kommentare

  1. Von Sandra am 05. Juli 2016:

    Ganz toll geschrieben, Nina! Ich liebe den Samen auch, die Farbspiele sind immer wieder spannend, allein die Planung kann schon mal längere Zeit in Anspruch nehmen! Herrlich meditativ und erholsam lässt er sich dann stricken. Ich bin da also voll bei dir. Stephen West fordert mich immer wieder mal heraus, ich finde seine Sachen klasse, und auch scheinbar untragbare „haute couture“ lässt sich immer irgendwie alltagstauglich entschärfen. In diesem Sinne: Cast on!

    • Von Nina am 05. Juli 2016:

      Vielen Dank, Sandra!
      Ich bin mir sicher, dass ich irgendwann auch noch bei den „untragbaren“ Sachen ankomme. In einem Jahr zeige ich euch dann meine gestrickten Neon-Schlüpfer … X-P

  2. Von Sooza am 05. Juli 2016:

    Och nö, nicht noch eine im Stephen West Fieber! Manno! *stampftmitdemfuß* ;o) Ich hab’s ja schon mal geäußert, aber manche Dinge kann man ruhig öfter sagen. Ich mag diesen bekloppt-bunten-quietischen Stephen West einfach nicht. Da ist mir einfach immer alles zu viel, zu bunt, zu wild, zu viel Show. Ich mochte die ersten Sachen einfach lieber, Fan der ersten Stunde sozusagen. Heute kommen bei mir das von Dir so herrlich beschriebene Fragezeichengesicht und ein vages „Meh.“

    Aber ich gebe zu, bei Deiner Variante von „Samen“ da kann ich ihn erkennen, den Stil den ich früher an ihm so mochte. Interessante Form, nicht zu viel Brimborium und mit Farben kann nach Lust und Laune gespielt werden. Schön! Das wäre auch was für mich. Kommt auf die Liste. Gleich nach Dotted Rays.

    • Von Nina am 05. Juli 2016:

      Haha, genau so habe ich auch mal gedacht! Aber ich stimme dir zu, diese ganz bunten Sachen sind mir auch (noch?) etwas too much. Die älteren Kollektionen von Stephen West sind mir dann aber auch wieder zu öde zu stricken, obwohl ich die Sachen alle gerne anschaue (v.a. Clockwork und Rockefeller). Aber das Schöne ist ja, dass man allen seinen Mustern mit eigenen Farbkombis einen ganz eigenen Anstrich geben kann. 🙂

  3. Von Sabine am 05. Juli 2016:

    Tschakka, ich habe mir heute gerade meinen ersten Samen angeschlagen. Da ich mich nicht entscheiden konnte, gibt es einen bunten und einen pastelligen….bin total begeistert…

    Ich habe aber eine Bedingung daran geknüpft, vor einem neuen Segment wird ein Ufo abgearbeitet.
    😉

  4. Von Tüt am 05. Juli 2016:

    Du bist garantiert nicht die letzte, ich habe bisher noch keinen Gefallen an West-Dingen gefunden. Da ich meist einfarbig stricke, Tücher nicht wirklich mag, war bishe rnichts dabei 😀

    • Von Nina am 06. Juli 2016:

      Man muss ja nicht bunt. 😉
      Stell dir mal den „Samen“ vor in einer neutralen, gedämpften Farbe (z.B. Dunkelgrau), bei dem nur die glatt rechts gestrickten Segmente durch eine hellere Version dieser Farbe abgesetzt sind (z.B. Hellgrau). Das sieht bestimmt irre aus! 😀

  5. Von Petra P. am 06. Juli 2016:

    Hallo Nina,

    es ist ein super Samen geworden mit tollen Farben. Das Unsymetrische ist aber nicht mein Fall. Dafür bin ich für warme Farben. Ich verstehe deshalb Sooza nicht ganz, wenn Sie schreibt, diese quietsch- bunten Farben mag Sie nicht.. Das ist alles Ansichtssache. Ich mag was Buntes- das triste Alltags Grau und Schwarz ist doch einfach nur langweilig!!! Ich bin über 60, trage fast nur warme Farben, damit verschönert sich das Leben.
    Wer mag im Garten nur dunkle Blumen ?

    • Von Nina am 06. Juli 2016:

      Hallo Petra,
      ich finde es prima, dass die Geschmäcker unterschiedlich sind. So findet jedes Garn ein liebevolles Zuhause! 🙂

  6. Von Petra am 06. Juli 2016:

    Ich finde das Tuch richtig klasse und hab mir gerade die Anleitung runtergeladen. Leider habe ich nicht berücksichtigt, dass mein Englisch nicht gut ist. Ich glaube nicht, dass ich das hinbekommen. Gibt es irgendwo eine Anleitung in Deutsch, gerne auch zahlungspflichtig? LG

    • Von Carolin am 08. Juli 2016:

      Hallo Petra,
      die Anleitung ist leider nicht auf Deutsch erhältlich, aber probier es ruhig mal mit der englischen, die ist nicht so schwer.
      Ein nettes Strickwörterbuch gibt es zum Beispiel hier
      In unserem Blog haben wir auch mal was zum Thema „Englische Anleitungen“ geschrieben: http://www.lanade.de/blog/hamburg-calling-die-anleitung/
      Trau Dich! Ansonsten kannst du auch gerne bei uns in der Facebook-Gruppe vorbeischauen, da haben ganz viele den Samen schon gestrickt.

      Viel Freude damit! Gruß, Carolin

  7. Von Couturette am 02. August 2016:

    Du bist nicht die letzte, die Stephen West lieben lernt, ich bin da auch eher spät berufen 🙂 . Ich habe dieses Jahr den MKAL mitgemacht und bin seitdem angefixt. Farben kann man sich ja aussuchen, wie man möchte, muss ja nicht neonquietschig sein. Oder eben doch, wenn man will. Je länge rich mir seine Sachen anschaue, umso besser gefällt mir gerade das schrille bunte Zeug. Und ich habe bisher bei jeder Anleitung was neues gelernt und das Stricken wird nie langweilig. Daher bin ich seit Anfang 2016 ein echter Fan. Und jetzt will ich auch einen Samen, so! Reicht da jeweils ein Strang von der Malabrigo Lace?

    • Von Nina am 02. August 2016:

      Yeah, noch eine! High Five! 😀

      Ein Strang Lace pro Farbe reicht wunderbar. Wenns wider Erwarten knapp werden sollte, kann man ja aber bei Stephens Tüchern auch immer wunderbar improvisieren. 🙂

  8. Von Marion Schumann am 27. Februar 2017:

    Hallo, kann ich bei dir die deutsche Anleitung von ‚Samen“ bekommen?
    Danke und Gruß
    Marion

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