Briochkannnichmehr! Oder wie man motiviert bleibt.

Wenn ihr zufällig in meiner Straße, in meinem Viertel oder auch nur in meiner Stadt lebt, seid ihr vermutlich neulich Nacht, so etwa gegen zwei Uhr davon aufgewacht, dass eine Irre durch die Straßen gerannt ist und Feeertiiig!!! gebrüllt hat. Das war ich.

Der Grund dafür: Ich habe meinen Briochevron Cowl von Stephen West fertig gekriegt! Und das war eine schwere Geburt, das kann ich euch sagen.

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Am Anfang war ich noch Feuer und Flamme. Stephen brachte jede Woche ein neues Brioche-Muster heraus, was immer frenetische WhatsApp-Nachrichten zwischen Antje und mir zur Folge hatte: „Hast du das von heute schon gesehen?“ – „Das stricke ich auf jeeeden Fall!“ – „Ich strick das direkt zweimal!“ – „Und ich dreimal!“. Der Briochevron war Liebe auf den ersten Blick. Ich hatte zwar kein grandioses neonfarbenes Garn zur Hand, dafür aber noch viereinhalb Stränge Malabrigo Worsted, die eigentlich ein Pullover werden wollten. Also hieß es: Pullover-Pläne ade, hallo Brioche-Glück!

Das war im Februar. Da wuchs der Cowl auch noch fröhlich vor sich hin, wurde aber bald langsamer. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Die Anleitung ist großartig. Schnell zu lernen, eingängig, aber nicht langweilig. An sich. Am Anfang. Das Problem ist nur, dass man trotz dickeren Garns und gefühltem Strickturbo gefühlt Stunden für gefühlt Millimeter braucht. Und wenn man einmal das Muster auswendig kann, gibt es keine Herausforderung mehr, keine zusätzlichen Zunahmen, Abnahmen oder sonstigen Abwechslungen. Und das für lange, lange Zeit.

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Im April hatte ich noch nicht mal ein Drittel des Cowls fertig. Eine Pilgerfahrt zu Stephen Wests Wollgeschäft in Amsterdam hat mich zumindest bis zur Hälfte der erforderlichen Länge befördert, auch wenn dem Projekt der West’sche Segen versagt blieb, weil Stephen gerade nicht da war. Und so lag das Projekt wieder. Und lag. Und lag.

Im Juni hat Antje ihren Briochevron in einem mutigen Blogbeitrag für verloren erklärt. Und das, obwohl sie so wundervoll abwechslungsreiche Farben der Malabrigo Rios gewählt hat, statt, wie ich, das relativ stumpfe Water Green und Sweet Grapes der Worsted! Schluchzend habe ich mein armes, unvollendetes Strickstück an mich gedrückt. Aber weiterstricken? Och nööö …

Es wurde Juli, August. Dann September. Und Oktober. Der Briochevron entschwand völlig meinem Strick-Bewusstsein. Es gab schließlich noch so viel anderes zu stricken! Bis mir dann irgendwann beim Aufräumen das Projekt wieder in die Hände gefallen ist. Ist der immer noch nicht fertig?! Nein. Und wer strickt das jetzt?! Ich. Menno!

Und das habe ich dann gemacht. Trotz allem och und wuäh, trotz allen anderen schönen Projekten und Garnen um mich herum. Und siehe da: Er wurde fertig. Geht doch!

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Anleitung: Briochevron Cowl & Scarf von Stephen West (englischsprachige Kaufanleitung bei Ravelry)
Garn: 2× Malabrigo Merino Worsted in Farbe 509 Sweet Grapes, 2½× in Farbe 083 Water Green
Nadeln: KnitPro Zing Rundstricknadel 100 cm in Stärke 4 mm
Modifikationen: kreative Variation des Musterverlaufs auf halber Strecke (Okay, ich geb’s zu: Ich hab’ mich verstrickt!)

Hilfreich beim Endspurt waren ein paar Motivationstricks, mit denen ich mir schon in der Vergangenheit beholfen habe. Vielleicht helfen sie auch euch bei eurem nächsten Kaugummi-Projekt!

  • Rick strickt mit

    Wenn euer Strickprojekt fernsehtauglich ist, also nicht zu viel Aufmerksamkeit verschlingt, könnt ihr das Projekt wunderbar an eine Serie koppeln. Meinen Briochevron habe ich immer gestrickt, während ich die Abenteuer von Serienheld Rick aus The Walking Dead verfolgt habe. Und immer wenn eine Episode mit einem spannenden Cliffhanger endete und ich unbedingt noch die nächste Episode sehen wollte, hat sich automatisch meine Strickzeit am Cowl verlängert. Wenn ich nicht gerade vor Spannung in die Stricknadeln gebissen habe.

  • Strick-Tandem

    Wer kein Serien-Fan ist und da noch dieses eine unwiderstehliche Projekt hat, das jetzt unbedingt gestrickt werden muss, kann auch Tandem-Stricken praktizieren. Dafür wird sowohl das Kaugummi-Projekt wie auch das tolle Projekt in kleine Zwischenziele eingeteilt, die immer abwechselnd gestrickt werden. Das Traumprojekt kommt immer erst dann wieder dran, wenn eine Mindestanzahl an Reihen oder Zentimetern, der erste Ärmel oder diese verzwickte Sockenferse fertiggestellt ist. Und wie bei dem Trick mit dem Esel und der Karotte geht es dann schon viel schneller voran.

  • Ravelry – aber richtig

    Ja, der Cowl ist herzlich unaufregend. Ja, er braucht ewig. Ja, ich habe fuffzig Sachen, die ich gerade lieber stricken würde. Aber wenn das Teil jemals fertig werden soll, ist es absolut nicht sinnvoll, sich selbst zu quälen, indem man auf Ravelry diese ganzen anderen tollen Projekte anschaut und sehnsüchtig vor sich hinseufzt. Schluss damit! Was dagegen ungeheuer motiviert: Die Bilder der fertigen Versionen anderer Strickerinnen zum Horror-Projekt ansehen. So kriegt man wieder eine Idee dafür, dass es sich tatsächlich lohnen könnte, das Teil fertigzustellen. Und vielleicht kehrt auch etwas von dem alten Zauber zurück, der einst dafür gesort hat, dass man sich in die Anleitung verliebt?

  • Kreative Pause

    Wenn alles nichts hilft, hilft manchmal tatsächlich nur noch die Pause. Warum stressen? Stricken soll ein Hobby sein, keine Zwangsarbeit! Als ich im Sommer am Ende meiner Cowl-Geduld war, hat mich das zwar betrübt, aber nicht in die Verzweiflung getrieben. Schließlich kann ich im Sommer eh keinen dicken Cowl tragen. Nun muss ich zugeben, dass ich das Teil vermutlich komplett vergessen hätte, wenn ich nicht zufällig einige Monate später darüber gestolpert wäre. Deshalb empfehle ich eine Pause auf Zeit: Setzt euch eine bestimmte Anzahl an Wochen oder Monaten, macht einen Vermerk im Kalender und packt das ungeliebte Projekt weg. Nach Ablauf der kreativen Pause holt ihr es dann wieder raus und horcht in euch rein. Kann es jetzt weitergehen? Dann los! Immer noch keinen Bock? Dann weg damit. Das Leben ist zu kurz für öde Projekte!

Welche Tricks habt ihr, um euch zu motivieren?

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Kommentare

  1. Von Antje am 08. November 2016:

    Ich muss dir zu 100 % recht geben, bei mir war das auch so ein Kaugummi-Projekt Allerdings handelt es sich bei mir um ein Weihnachtsgeschenk, also musste die in Arbeit befindliche Kaugummi-Babydecke warten um das sich ewig hinziehende cowl-Projekt zu beenden… ein Teufelskreis

  2. Von Maike am 08. November 2016:

    Nina die Mühe und die ewigen neuen Motivationsversuche haben sich wirklich gelohnt, der sieht echt klasse aus, auch ohne Neonfarben :)ein echter Hingucker,gerade auch zu deiner dunklen Jacke!

    • Von Nina am 09. November 2016:

      Danke, das versöhnt mich wieder etwas mit dem Projekt. 🙂

  3. Von Melanie am 09. November 2016:

    Danke, für den tollen Artikel. Ich stricke auch sehr gern mit Rick, aber manchmal hilft selbst das nicht mehr. Auf alle Fälle stricke ich schneller. Dein Cowl sieht super schön und gelungen aus. Gut, dass Du durchgehalten hast.

  4. Von Brigitte am 09. November 2016:

    Wow, sieht super aus. Die Arbeit hat sich auf jeden Fall gelohnt. Leider ist mein Englisch für die Anleitung nicht gut genug. Habe natürlich auch immer mehrere Projekte auf der Nadel. Das mit schwieriger Strickart wird beim Hörspiel gestrickt, dass leichte beim TV schauen. Wenn ich dann wieder ein Projekt entdecke, welches ich unbedingt haben muss, werden komischerweise die anderen UFOs ganz schnell fertig.

    • Von Nina am 09. November 2016:

      Oh ja, Hörspiele und Hörbücher sind von Strickerinnen erfunden worden, da bin ich mir sicher. Podcasts sind auch großartig! 😉

  5. Von Katrin Haß am 09. November 2016:

    Ja, ich kann mien Kaugummi-Projekt von hier sehen. Da liegt es. Übrigens auch Brioche und angefangen bevor Stephen durch Nancy in den Brioche-Rausch verfallen ist.

    Aber dein Teil ist soooo schöööön. Kann natürlich daran liegen, dass es in meiner absoluten Lieblingsfarbcombi ist: Türkis/Lila. Ein Träumchen in Brioche!

    • Von Katrin Haß am 09. November 2016:

      P.S. Achso, bei mir hat Rick den Building Blocks mitgestrickt. Fleißig. 😉

  6. Von Auraya am 10. November 2016:

    Ich motiviere mich selber mit neuen Projekten die ich unbedingt machen will. Da kaufe ich die Wolle, lege die Anleitung zurecht …. und muss das alte fertigmachen, weil ich pro Nadelstärke nur ein Paar besitze 😀
    Und lustigerweise geht es sich oft so aus, dass ich genau DAS Paar brauche, was grad ein UFO beherbergt…

  7. Von Bärbel am 14. November 2016:

    Nina, dein Cowl sieht toll aus, die Farbauswahl finde ich super!
    Ich habe auch eine Kaugummi-Babydecke aus DROPS-Paris. Sollte ein Sommer-Projekt sein, denn in den kühleren Jahreszeiten gibt’s sooo viel anderes zu stricken… Nachdem die Decke nun den dritten Sommer noch nicht mal halbfertig in der WIP-Kiste herumdümpelte habe ich beschlossen, das Stück in einen Kissenbezug zu verwandeln.
    Die langen Rückreihen (linke Maschen-stöööhn…) im Lochmuster hatten mir überhaupt keinen Spaß gemacht.
    Kleinere Projekte, die lange liegen und mich nicht mehr ansprechen werden kurzerhand geribbelt, meistens entsteht aus der so “gewonnenen” Wolle was viel tolleres.

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