Spleißen à point

Kennt ihr: spleißen? Ja? Arrr, dann seid ihr möglicherweise Piraten … oder Biochemiker. Aber wisst ihr was – auch als Stricker könnt ihr Spleiß-Kenntnisse gut gebrauchen! Spleißen ist, allgemein gesprochen, eine Methode, bei der ein schnurförmiges Gebilde an sich selbst befestigt wird, nachdem man die ursprüngliche Struktur aufgelöst, die Form je nach Wunsch und Bedarf verändert hat und das Ganze dann in einer dem Ausgangszustand ähnlichen Form fixiert. Mit anderen Worten: höchst nützliche Zauberei 😀

Bild für Beitrag „Spleissen“ 1

Während Seefahrer (und auch zivile Wassersportler) beim Spleißen gefährliche Werkzeuge benutzen (die allerdings bei einer spontanen Zombie-Apokalypse von Vorteil wären), benötigt man in der Biochemie Ribozyme und Endonukleasen, die zumindest ich nicht im Strickkörbchen habe. Umso erfreulicher ist es, dass man als Stricker bei Spleißen nur nasse Hände oder gegebenenfalls eine spitze Nadel braucht. Habt ihr das? Wunderbar! Dann braucht ihr nur noch das richtige Garn und ein passendes Problem. Als Garn empfehle ich euch entweder ein filzbares Garn mit mehreren Teilfäden, also etwa:

Oder alternativ (hier nur am Rande behandelt) ein einfädiges Garn, zum Beispiel:

Als Problem biete ich die beliebte Kombination „Häufiger Farbwechsel—Viele Fäden vernähen“ an und verspreche: lernt zu spleißen und ihr werdet überhaupt nicht mehr nähen müssen. Also gar nicht! Wer ist dabei? Aber hallo, immer rein mit euch.

Seht ihr das Projekt auf dem Foto oben? Das ist ein „Hapisk“ aus dem wunderbaren Book of Haps von Kate Davies, das ich im März in Edinburgh gekauft habe. Ich stricke ihn aus DROPS Flora, zeige euch also die Spleißvariante für filzbare, mehrfädige Garne.

Für den Farbwechsel zwischen den unzähligen Streifen wünsche ich mir jedes Mal, dass mein Arbeitsgarn genau an der richtigen Stelle magischerweise die Farbe wechselt, sodass ich einfach weiterstricken kann und später nichts vernähen muss. Und tut mir mein Arbeitsgarn den Gefallen? Nein! Es ist halt Uni oder Mix, aber eben nicht fancy-dye-self-striping. Bloß gut, dass ich in meinem Auslandssemester in Hogwarts aufgepasst habe! Den gewünschten Wechsel produziert man so:

Bild für Beitrag „Spleissen“ 2

  1. Die richtige Länge abmessen. Strickt bis 10 Maschen vor dem geplanten Farbwechsel (mein Farbwechsel soll bei der vorletzten Masche erfolgen). Wickelt das Garn etwa 11-mal locker um den Zauberstab die Nadel. Wer sehr fest strickt, braucht vielleicht nur 10 Windungen, Lockerstricker machen besser 12. Markiert die Stelle, gebt noch circa vier Zentimeter hinzu und schneidet das Garn dort ab. Jetzt dröselt den Faden auf jenen vier letzten Zentimetern auf und entfernt die Hälfte der Teilfäden (die Flora hat 3 Teilfäden, ich habe einen entfernt. Reductio!). Dröselt und halbiert auch das Ende des neuen Fadens.Bild für Beitrag „Spleissen“ 3
  2. Überkreuzt die Fäden an der Stelle, an der ihr die Teilfäden entfernt habt, und legt die Enden auf dieselbe Farbe zurück. Befeuchtet eure Hände und reibt den Faden kräftig zwischen den Handflächen bis er sauber zusammengefilzt ist.Bild für Beitrag „Spleissen“ 4
  3. Jetzt strickt die letzten 10 Maschen. Sollte der Farbwechsel nicht genau da landen wo er hinsollte, könnt ihr ihn problemlos weiter nach vor oder hinten verlegen in dem ihr die letzten 10 Maschen nachträglich noch etwas lockert bzw. strafft. Ja, auch schummeln will gelernt sein 😉

Farbwechsel erledigt – Faden vernähen fällt aus – Wunsch erfüllt!

Schön, oder? Durch das Entfernen der Teilfäden und den leichten Fluff-Verlust beim Filzen wird die Verbindungsstelle nicht dicker als das restliche Gestrick und fällt nicht ins Auge. Ihr könnt das auch mit einfädigen, filzbaren Garnen machen und dann entweder das Fadenende frei Hand schmaler rupfen oder stärker filzen, damit die Stelle nicht dicker wird.

Wenn euch eine leichte Verdickung nicht stört, könnt ihr auch die Variante für die nicht-filzenden, einfädigen Garne (und Blow-Garne) verwenden. Ihr braucht dafür keine nassen Hände, dafür aber die zu Beginn erwähnte Nähnadel:

  1. Hier strickt ihr wieder, wie oben unter Punkt 1 beschrieben, bis 10 Maschen vor der Magie und messt die Entfernung bis zum Farbwechsel durch Umwickeln der Nadel. Gebt aber dieses Mal mehr als vier Zentimeter hinzu. Ihr braucht mindestens eine Nähnadellänge plus ein bisschen Überstand, damit der Faden nicht gleich aus dem Öhr fällt.
  2. Genau an der markierten Stelle macht ihr einen sogenannten Russian Join. Den hatte ich vor zwei Jahren im Blogartikel zum Thema neue Knäuel ansetzen schon mal gezeigt und verlinke gern wieder das passende DROPS-Video. Stecht mit der Nadel genau in die markierte Stelle und schon habt ihr den Farbwechsel wo ihr ihn haben wolltet.Bild für Beitrag „Spleissen“ 5
  3. Dann genau wie zuvor: strickt die letzten 10 Maschen. Sollte der Farbwechsel nicht genau da landen wo er hinsollte, könnt ihr ihn problemlos weiter nach vorn oder hinten verlegen, indem ihr die letzten 10 Maschen nachträglich noch etwas lockert beziehungsweise strafft. Übrigens, ab zweimal schummeln gilt man schon als Cheater, doch doch 😉

So, das war’s schon. Bei meinem Hapisk warten noch fette 140 Farbwechsel auf mich und ich freue mich wie ein kleines Kind auf den resultierenden einen Faden, den ich danach noch vernähen muss. Hihihi.

Macht’s gut!

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Kommentare

  1. Von Mara am 03. August 2017:

    Wooooaaah, was ist das für eine blaue Wolle auf dem letzten Bild? Habe spontan Schnappatmung bekommen. Das Spleißen mache ich auch schon lange so und es funktioniert prima.

    • Von Antje am 03. August 2017:

      Hi Mara,
      sehr cool! Die Blau-bunte auf dem letzten Foto ist Tosh Merino Light in der Farbe Spectrum. Und ja, die ist in Realität genau so schön! 🙂

  2. Von Katrin am 03. August 2017:

    Sehr unterhaltsam und informativ. Vielen, vielen Dank für diese tolle Anleitung +
    liebe Grüße Katrin

    • Von Antje am 03. August 2017:

      Sehr gern!
      Dankeschön, Katrin 🙂

  3. Von Britta D. am 03. August 2017:

    ich kombiniere Russian Join und spleißen. Dabei schneide ich die Teilfäden aber nicht ab, sondern spleiße sie tastächlich in den Faden zurück und filze sie dann. Bei dicken Garne führe ich die überschüßssigen Teilfäden, welche Du abschneidest in die nächsthöhere Runde und verspleiße sie dann nochmal mit dem Arbeitsfaden, Da ist dann null Risiko, daß der überflüssige Teilfaden nach dem Abschneiden aus dem alten Faden aufdröselt.

    • Von Antje am 09. August 2017:

      Danke für die Ergänzung, Britta. Bei glatteren Garnen, die nicht allzu gut Filzen, ist das sicher ne Idee 🙂

  4. Von Britta D. am 04. August 2017:

    PS: Es gibt noch eine weitere kommerzielle Nutzung des Spleißens mit Enzymen: Klebefleisch, salopp: Formfleisch…. Reste werden mit Enzymen vermengt, in eine Form gepreßt und nach dem Verspleißen sieht das enzymatische Klebemittel wie natürliches Bindegewebe aus….nur die faserrichtungen der Stücke laufen in z.B. „Kochschinken“ kreuz und quer….. da ist nichts natürlich. Und der Verbrauch glaubt, er bekommt ein gutes Stück Fleisch :-(((((

  5. Von Marion K. am 06. August 2017:

    Ich bin kein Cheater (das mit dem Lockern oder fester Anziehen ist kein Schummeln, sondern Materialoptimierung! :P), aber ein Spielverderber: Du musst den ersten UND den letzten Faden vernähen… *kopfeinzieh*
    Aber sehr interessant, wie immer, ich kannte bisher den Russian Join und das Spleißen, wie ich das fürs Nadelbinden kennengelernt habe: https://youtu.be/XcSiyy2GODk Ab 0:50 etwa.
    Zeigst du den fertigen Hap hier auch? Bin noch unschlüssig, ob ich mir das Buch kaufen soll; soviele schöne Sachen drin, aber ich werd vermutlich keins davon tragen, und dafür ists dann zu teuer. 🙁

    Schönen Sonntag noch!

    Marion

    • Von Antje am 09. August 2017:

      Hey Marion,
      na klar, wenn da Interesse besteht, gern 🙂 Ich finde einige der Modelle schon von der Konstruktion her so interessant, dass ich unbedingt wissen wollte, wie das geht. Wer das nachher trägt, wird sich zeigen 😉

    • Von Marion K. am 13. August 2017:

      Ich habe das Buch „Yokes“ und gerade zwei Pullover daraus in Arbeit, eins mit dem original Fair-Isle-Muster, eins (ganz frech) nur dem Schnitt nach, in selbstgesponnenem, sagen wir mal buntem, Garn 😀 Und gerade bei Lanade Garn bestellt für eine weitere Ausgabe… uiuiui…

      Ich könnte mir vorstellen, dass viele Leute hier dein fertiger Hap interessieren würde *meld*

      Schönen Sonntag noch!

      Marion

  6. Von Johanna am 07. August 2017:

    Klasse! Ich liebe deine Beiträge, sehr erfrischend und total hilfreich! Bin sehr gespannt auf meinen ersten Spleiß-versuch. Danke!

    • Von Antje am 09. August 2017:

      Hallo Johanna,
      dankeschön! Ich wünsch‘ dir viel Erfolg! 🙂

  7. Von Anja am 09. August 2017:

    Also WENN Du Dein Ravelry-Projekt hier schon verlinkst, dann doch bitte mit Foto – das geht auch, wenn es noch ein WIP ist 😉

    • Von Antje am 09. August 2017:

      Hey Anja,
      danke für den Hinweis. Das weiß ich natürlich und kann ich auch gern machen sobald sich die charakteristische Streifenfolge herauskristallisiert. Man soll ja dann auch büschn was von der Materie sehen können 😉

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