Maschenproben. Diesmal in Runden.

In meinem vorigen Blogbeitrag erwähnte ich ja, eine Maschenprobe in Runden gestrickt zu haben. Wider besseren Wissens um eine vernünftige Alternative strickte ich seinerzeit quasi eine halbe Armstulpe, nur um ein möglichst exaktes Abbild des zu erwartenden Ergebnisses zu erhalten.

Nun ja, es geht auch weniger aufwendig. Viel weniger aufwendig, um ehrlich zu sein. Die Lektüre des wunderbaren E-Books „Little Red in the city“ von Ysolda Teague hat mich aufgeklärt und ich möchte euch heute zeigen, wie ich meine Maschenproben für rundgestrickte Teile zwischenzeitlich mache.

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Zuerst müssen wir allerdings klären, warum ich nun auch noch für die Maschenprobe in Runden plädiere. Vor einiger Zeit habe ich ja bereits einen ausführlichen Artikel zu Maschenproben und deren Nutzen geschrieben, den ich auch wirklich jedem ans Herz lege, der sich nicht nach wochenlanger Arbeit an einem Projekt unmittelbar nach dem ersten Waschen in den Allerwertesten beißen möchte.

Nun wird der eine oder andere schon festgestellt haben, dass das Ergebnis durchaus sehr unterschiedlich ausfallen kann, je nachdem, ob man das Projekt rund oder in Hin- und Rückreihen strickt. Das liegt ganz einfach daran, dass in Runden nur rechte Maschen verwendet werden, bei Hin- und Rückreihen wohl aber noch eine tückische weitere Maschenart hinzukommt – die linken Maschen. Und auch wenn das lediglich eine rückseitig gearbeitete rechte ist, fliegt sie einem nicht ganz so selbstverständlich von der Nadel wie die gewöhnliche rechte Masche, nicht wahr?

Doch selbst wenn man linke Maschen ebenso gerne strickt wie die rechten – das Ergebnis ist ein anderes, wenn das Gestrick nur aus rechten Maschen besteht. Und das ist eben bei Rundgestricktem der Fall.

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Beide Proben habe ich mit derselben Nadelstärke gestrickt, dennoch sieht man deutlich, dass meine linken Maschen im Glatt-rechts-Gestrickten (rechts im Bild) eine deutliche Unruhe reinbringen, könnt ihr es erkennen? Die Maschenhöhe ist zudem unterschiedlich und ein bisschen lockerer ist das alles auch.

Top down, seamless, Raglan Von Oben … alles Schlagwörter, die in den letzten Jahren in der Strickwelt für freudige Aufschreie gesorgt haben und die einem das leidvolle Nähen und die linken Maschen ersparen, denn es wird in Runden gestrickt. Wenn man hier nun aber eine wirklich aussagekräftige Maschenprobe haben will, lohnt es sich eben, diese so zu stricken, wie das Projekt nachher auch gestrickt wird. Stricke ich die Maschenprobe nun in Hin- und Rückreihen, ist das nicht komplett falsch, immerhin kann ich feststellen, ob die Nadelstärke weitestgehend okay ist, um den Bund des zukünftigen Merinopullis nicht nach der ersten Wäsche in den Kniekehlen wiederzufinden.

Wer allerdings auf exakte Passform wertlegt oder gar auf Maß stricken möchte, der sollte sich die Mühe machen und auch die Maschenprobe perfektionieren. Um eine Maschenprobe gänzlich aus rechten Maschen zu produzieren, hat man zwei Möglichkeiten. Die erste ist die erwähnte halbe Armstulpe, die sowohl Garn als auch Zeit und auch eine Vorliebe für Nadelspiele und Konsorten erfordert. Und eigentlich will man ja keine Stulpen stricken, sondern den Pulli eeendlich anfangen.

Also bleibt uns Nummer Zwei: Immer von rechts stricken! Hierfür lässt man hinter der Arbeit einen langen Faden hängen, schiebt die Rundnadel wieder ans andere Ende und strickt die nächste Reihe wieder rechte Maschen auf der Vorderseite.
Ja! So einfach ist das. Und so sieht das dann von hinten aus, schaut mal!

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Ihr müsst dabei nur ein paar Kleinigkeiten beachten:
Rechnet pro Seite 3-4 zusätzliche Maschen dran, die nicht gemessen werden. Hätte ich eine Maschenprobe mit 18 Maschen zu machen, würde ich 18 + 8 (für die Ränder) + 4 (in Reserve), also 30 Maschen anschlagen. Tendenziell bin ich da eher großzügig und stricke noch ein paar mehr.

Lasst die Spannfäden auf der Rückseite lang genug, damit sich nichts zusammenzieht. Wenn die Probe nachher ihr Bad nimmt, soll sie sich ungehindert bewegen können. Ich habe hierfür immer etwa zwei Handflächen breit Luft gelassen. Konrolliert beim Stricken immer wieder, ob ihr genug Spielraum lasst.

Wenn das Pröbchen dann fertig ist, kommt es in die Wäsche. Ja, die Wäsche, die der Pulli später auch bekommen wird. Darf der in die Maschine, fliegt die Maschenprobe da rein, geht’s ins Waschbecken, dann badet sie dort.

Nach dem Trocknen dürft ihr dann die Fäden auf der Rückseite durchschneiden. Das ist im Übrigen auch eine gute Vorbereitung auf die geistigen Strapazen beim Steeken, weil man schon mal ein Gefühl dafür bekommt, wie sich aufgeschnittene Maschen so verhalten.

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Legt sie nun flach hin und messt sie aus. Dabei unbedingt die verzogenen Randmaschen ignorieren. Messt wirklich erst ab da, wo die Maschen schön nebeneinander liegen.

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Und das war’s auch schon! Kein Hexenwerk, oder?

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Bedenkt aber: Eine Maschenprobe ist natürlich kein Garant dafür, dass euer Pulli sich nachher exakt so verhalten wird. Aber es gibt euch ein Gefühl für das Verhalten der Wolle, das Material an sich und die Tendenz dessen. Bei mir stimmt es in den allermeisten Fällen.

Bedenkt dabei auch, dass ein Pulli ein anderes Eigengewicht aufbringt als das kleine Pröbchen. Hier kann man einen Trick anwenden, um dies zu simulieren. Von der lieben Rita Maaßen habe ich die tolle Anregung aufgeschnappt, die Maschenprobe hängend zu trocknen und sogar mit Tischtuch-Beschwerern zu behängen. Allerdings würde ich da mit erhöhter Vorsicht rangehen und nicht gerade dem feinen Laceoberteilchen so viel Gewicht zutrauen, dass das Pröbchen beschwert werden müsste.

Zuletzt möchte ich eingangs erwähntes Büchlein „Little Red in the city“ von Ysolda Teague jenen von Herzen empfehlen, die Wert auf ausführliche Beschreibungen zu Passform und Ermutigungen zur Anpassung einer Anleitung an die eigene Körperform haben. Ysolda hat sehr viel Liebe, Mühe und Wissen reingesteckt und der Informationsgehalt des Büchleins ist seinen Preis in jedem Falle wert. Eines meiner besten Strickbücher. Zumal auch noch einige sehr hübsche Anleitungen drin sind – individualisierbar, versteht sich. Schaut‘s euch mal an, es ist allerdings nur auf Englisch erhältlich und derzeit wohl auch nur als E-Book.

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Kommentare

  1. Von Monica am 07. Oktober 2015:

    Wie immer: super erklärt! Auch wenn ich gerade beim Lesen aufsteigende Hitze verspürte, so mit meinem in Runden gestrickten Pullover-Strickzeug auf dem Schoß, das einfach nicht fertig werden will. Hoffentlich erlebe ich da keine Überraschung 😮

  2. Von Couturette am 07. Oktober 2015:

    Super erklärt. Da die Maschenprobe aber nicht für immer haltbar sein muss, kann man auch einfach ein paar Maschen mehr anschlagen und den Schlauch brutal aufschneiden, wie ein Steek bei mehrfarbigen Mustern.
    Ich habe das Glück, dass ich sowohl beim Rundstricken, als auch beim Hin- und Herstricken dieselben Maschenproben produzieren, daher kann ich mir das sparen.
    Und jetzt wäre es natürlich noch interessant zu erfahren, mit welchen Garnen hier gestrickt wird 😀

  3. Von Jessica am 07. Oktober 2015:

    Danke für diese Erklärung , da hatte ich jetzt ein richtiges Aha-Erlebnis!

  4. Von Cocolou am 07. Oktober 2015:

    Super Idee. Aber was mich noch mehr interessiert: was ist das für ein tolles Garn?

    • Von Carolin am 12. Oktober 2015:

      Hallo Cocolou, ah, ganz vergessen, das dazuzuschreiben. Das ist die schöne Malabrigo Mechita in den Farben 063 Natur und 120 Lotus.

  5. Von Kathi am 08. Oktober 2015:

    Prima, wieder was gelernt! Und genau richtig für mein nächstes Raglanprojekt.
    Wenn ich jetzt aber zu den Geizhälsen gehöre, die ihre Maschenproben nachm Ausmessen wieder aufribbeln? Lasse ich dann das Schneiden sein und messe mit Unterlage auf der Rückseite?
    Oder kann ich mir das Ribbeln bei zu „wolligen“ Qualitäten gleich abschminken?

    • Von Carolin am 12. Oktober 2015:

      Hm, sofern es nicht spannt, kannst du die Fäden sicherlich auch ganz lassen und was unterlegen, aber es muss halt wirklich flach und ohne Spannung liegen können. Aufribbeln bei Dochtgarn ist eher ungünstig, das tut dem Garn nicht so gut, gerade nach der Wäsche, verzwirnte Garne wiederrum lassen das meist recht gut zu. Liebe Grüße, Carolin

  6. Von Havariemarie am 12. Oktober 2015:

    Guter Punkt! Ich musste jetzt selbst auch schmerzlich feststellen, wie unterschiedlich bei mir Rund- und Flachgestricktes verhält. Jetzt arbeite ich die Ärmel auf dem Nadelspiel einfach eine Nadelstärke größer als die Cardiganteile und komme wieder aus. 🙂

    Aber bitte verrate unbedingt, welche Farbe du in deiner Maschenprobe verstrickt hast! Das ist sooo eine schöne Kombi!

    • Von Carolin am 12. Oktober 2015:

      Auch ’ne gute Idee mit dem Nadelwechsel!
      Die Garnangaben hab ich diesmal tatsächlich ganz vergessen! Das ist Malabrigo Mechtita in 063 Natur und 120 Lotus.
      Bei der glatt rechts gestrickten ist oben noch ein bisschen Diana 886 zu sehen.
      Liebe Grüße, Carolin

  7. Von Anja am 12. Oktober 2015:

    Hey Carolin,

    herzlichen Dank für den Geistesblitz!
    Wie das Schicksal so spielt, habe ich gerade heute eine alte Folge der Urbanen Spinnstube gehört (aus dem Jahr 2012, meine ich), in der sich die liebe Distelfliege auch mit diesem Buch beschäftigt und der schieren Unmöglichkeit, es zu einem vernünftigen Preis als Druckversion zu bekommen. Sie hat es dann geschafft, aber ich denke, drei Jahre später bleibt wohl erneut nur das E-book übrig. Werd ich mir mal zulegen.
    LG
    Anja

  8. Von Katrin am 14. Juni 2016:

    Eine gute Anleitung für eine Maschenprobe. Allerdings wäre mir die „Verschwendung“ von teurer Wolle da zu groß. Ich kann die Maschenprobe ja nicht mehr auftrennen. Bei den langen Fäden geht da einiges an Wolle drauf… und wer weiß, vielleicht fehlt dann genau das kleine STück zur Vollendung? Manchmal kauft man ja doch etwas knapp ein bzw entscheidet sich dann spontan doch für ein anderes Projekt.

    • Von Carolin am 15. Juni 2016:

      Hallo Katrin,
      ja, das stimmt schon. Andererseits möchte man gerade bei teurem Garn ja nachher auch einen Pulli, der sitzt 😉 Ich persönlich war schon immer eher großzügig beim Kauf, daher stellte sich die Frage selten. Aber wenn’s knapp bemessen ist, sollte man es sich schon überlegen, das stimmt. Man könnte die Probe höchstens größer stricken, sodass sie sich trotz Spannfäden ordentlich glatt hinlegen lässt. Dann müsste man nicht aufschneiden und erhielte dennoch ein wenigstens grob stimmiges Ergebnis.
      Viele Grüße,
      Carolin

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