Manchmal gehts einfach schief …

Ich so neulich am Stricken. Hatte an alles gedacht. Maschenprobe? Check. Körpermaße genommen? Check. Richtige Größe in der Anleitung ausgewählt? Check. Anleitung ordnungsgemäß befolgt, check, ja ja. Dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen, oder? Denkste.

Als ich mein neuestes Projekt, eine Strickjacke aus DROPS Alaska für die ersten kühlen Herbsttage, nach den ersten fünf Stunden hoffnungsvollen Strickens zum ersten Mal hochhielt und so im Ganzen ansah, musste ich der Wahrheit ins Gesicht sehen. Und die lautete: Trotz sorgfältiger Vorbereitungen war ich im Begriff etwas zu stricken, was vielleicht einer Zwölfjährigen passt. Mir jedenfalls nicht. Heul!

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Findet ihr solche Momente auch so deprimierend wie ich? Mit den Jahren des Strickens sind meine Fehlschläge Gott sei Dank etwas weniger geworden. Aber die meiste Zeit habe ich den Eindruck, dass meine Erfahrung meistens bestenfalls dazu führt, dass ich die Katastrophe kommen sehe, bevor das Teil komplett fertig gestrickt ist.

Aber bislang hat mich noch nichts davor bewahrt, in regelmäßigen Abständen angefangene Teile, von denen ich geschworen hätte, dass sie absolut großartig werden, wieder komplett aufzuribbeln. Meistens begleitet von bitteren Tränen, „Ich hasse stricken!“-Rufen und/oder alkoholhaltigen Trostmitteln. Ich sage mir immer, dass solche Erfahrungen beim Stricken unvermeidlich sind, und vermutlich stimmt das auch. Vielleicht kann man aber trotzdem auch ein bisschen Schadensbegrenzung betreiben. Lernt aus meinen Fehlern!

Vor dem Stricken: Das ABC der Krisen-Prävention

Man kann es gar nicht oft genug sagen: Macht Maschenproben! Bei allem, was über einen Schal oder einen Topflappen hinausgeht, steht und fällt das Projekt mit der Maschenprobe – und ich wage zu behaupten, dass man selbst einen Schal durch fehlende Maschenproben verhauen kann. Wie man sie macht und worauf man achten sollte haben wir in vergangenen Beiträgen hier im Blog gezeigt. Obacht: Auch Häklerinnen sollten Maschenproben machen!

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Nächster Punkt: Denkt gut darüber nach, ob euer Wunschgarn zu eurer Anleitung passt. Manche Materialien und Garntypen eignen sich für bestimmte Stricktechniken und Muster besser als andere. Das günstigste Garn ist nicht immer die beste Wahl – das teuerste Garn übrigens auch nicht unbedingt. Natürlich ist es immer ein bisschen schwierig, ein Garn, das man noch nie in den Händen hatte, durch reines Anschauen am Monitor einzuschätzen.

Ich versuche deshalb immer nach Möglichkeit, mein Wunschgarn bei jemandem anzusehen, der es schon verstrickt hat. Oder ich bestelle mir erstmal ein Knäuel zum Kennenlernen bei der nächsten Bestellung mit, aus dem ich dann eine Mütze oder etwas anderes Kleines mache. Klar, das kostet dann etwas mehr Zeit und Geld. Aber viele missglückte Projekte sind bei mir schon allein dadurch bereits vor dem ersten Maschenanschlag im Keim erstickt worden, dass ich in ein Probeknäuel investiert habe. Ja, ich schaue dich an, DROPS-pieks-mich-tot-Alpaca!

Eine gute Quelle ist eigentlich immer Ravelry. Dort kann man bei jeder Anleitung auch fertige Projekte anderer Strickerinnen sehen und oft auch ihre Kommentare zu passenden Garnen, Passform und genereller Qualität einer Anleitung anschauen. Hier ist es manchmal ein Nachteil, dass wir Strickerinnen so furchtbar nett sind, dass Kritik nur ganz vorsichtig und durch dicke Blumensträuße hindurch geäußert wird.

Aber spätestens beim dritten Vermerk à la „Bin ich nicht so zufrieden mit, hab ich wohl was falsch gemacht“ ahnt man schon, dass diese Anleitung ihre Tücken hat. Was ich auch immer gern bei einem neuen Projekt checke (und übrigens keinerlei Fremdsprachenkenntnisse erfordert), ist wie das Modell an Frauen aussieht, die in etwa meine Größe und Statur haben. Auch hier habe ich schon einige Projekte, die eigentlich zum Scheitern verurteilt waren, rechtzeitig verworfen und mir so große Dramen erspart.

Beim Stricken: Quality Control On The Fly

Sind alle Unklarheiten und Risikofaktoren beseitigt und die Maschen angeschlagen, lautet das Zauberwort: Anprobieren! Wenn ihr in Runden strickt, könnt ihr von Zeit zu Zeit einfach mal reinschlüpfen und schauen, ob alles da sitzt, wo es sitzen soll. Wenn ihr Einzelteile in Reihen strickt, könnt ihr ein gut sitzendes Kleidungsstück als Vorlage ausbreiten und euer Strickstück zum Vergleichen drüber legen.

Natürlich ist vor Fertigstellen, Baden und gegebenenfalls sogar Spannen noch nicht ganz zu erkennen, ob wirklich alles so wird, wie man sich das vorgestellt hat. Hier ist es wichtig, den magischen Mittelweg einzuschlagen zwischen Augenwischerei („Das wird bestimmt, ich strick mal einfach noch 200 Stunden weiter …“) und Panikreaktion („Das wird bestimmt nichts, ich ribbel alles auf, verbrenne die Wolle und stricke nie wieder!“).

Meiner Erfahrung nach ist es auch immer hilfreich, zwischendurch mal ein unparteiisches Urteil einzuholen. Glaubt mir, ihr Lieben – auch ich höre nicht gern Kommentare wie „Äääähh … ernsthaft?“ oder „Mal so gefragt: Wird das für dich?“, wenn ich anderen mein in Arbeit befindliches Projekt zeige.

Im Nachhinein zeigt sich aber jedes Mal, dass meine Lieblings-Gutachter das nicht aus Boshaftigkeit gesagt haben, sondern tatsächlich Recht hatten. Das hat mich zwar bisher noch nie davon abgehalten, den Quark aus reinem Trotz zu Ende zu stricken, aber ich habe Hoffnung für die Zukunft.

Nach dem Stricken: Manchmal geht’s eben schief

Manchmal ist einfach der Wurm drin: Man hat alles beachtet, alles schien wunderbar, dann kettet man die letzte Masche ab und auf einen Schlag verwandelt sich ein großartiges Projekt in gequirlten Mist. Oder auch ganz weit oben auf der Strick-Shitliste: Das Teil ist perfekt, aber beim Baden geht alles auseinander und wächst um zwei Konfektionsgrößen. Daran kann man schon mal verzweifeln. Soll man aber nicht, ein paar Möglichkeiten gibt es noch.

  1. Not-OP
    Ein gerade fertig gestelltes Projekt nochmal auf die Nadeln zu nehmen ist bitter, kann aber in vielen Fällen missglückte Teile noch mal retten. Ein falsch positioniertes Element kann man noch mal neu ansetzen. Mittels Steeken kann man aus einem wurstpellenartigen Pullover eine figurbetonte Strickjacke machen oder einen zu weit geratenen Umfang verringern. Auch einfach noch mal die Bündchen aufmachen, um Ärmel oder Körper zu verlängern oder zu verkürzen kann schon viel retten.Bild für Beitrag „Epic Fail“ 5
  2. Ein Geschenk? Für mich?
    Des einen Leid ist manchmal des anderen Glück. Wenn das Problem nur in der verfehlten Größe besteht, lässt sich vielleicht jemand finden und glücklich machen, der oder die zufällig genau diese Größe trägt. Einige meiner ersten Paar selbstgestrickten Socken beispielsweise habe ich an größerfüßige Freundinnen verschenkt, die sich im Gegensatz zu mir sehr darüber gefreut haben, dass ich zu faul für Maschenproben war.Bild für Beitrag „Epic Fail“ 2
  3. Ruhen lassen
    Oft trübt der innere Aufruhr bei der Erkenntnis, dass man die letzten Wochen für die Katz gestrickt hat, ganz massiv das Urteilsvermögen. Ich selbst lasse mich dann immer gern zu extremen Behauptungen wie „Ich stricke nie wieder.“ oder „Ich schmeiß’ das gleich alles aus dem Fenster!“ hinreißen, was ich dann aber zum Glück doch nie umsetze. In solchen Fällen ist es dann manchmal einfach das Beste, das missglückte Projekt einfach eine Weile ganz hinten im Schrank zu verstecken und irgendetwas anderes anzufangen, was auf jeden Fall gelingt und Freude macht (zum Beispiel der Verzehr einer Tafel Schokolade – gute Arbeit, Nina!).
    Dann kann man das große Drama eine Weile vergessen, bis man irgendwann heiteren Herzens das besagte Teil hervorholen und die Arbeit von Wochen mit einem milden Lächeln aufribbeln kann, um voller Dank für diese wertvolle Lehre ein neues, besseres Projekt aus der Wolle zu beginnen. Für meinen verunglückten Alaska-Pulli habe ich mir schon ein kleines Kreuzchen im Kalender gemacht. Gleich nach meinem 100. Geburtstag.Bild für Beitrag „Epic Fail“ 4
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Kommentare

  1. Von Svenja am 07. September 2017:

    Liebe Nina,

    mal wieder hast Du mir aus dem Herzen gesprochen. Beim lesen musste ich an eine aus Could gestrickten Jacke denken, die jetzt meine Freundin trägt. Nicht das, dass die dritte Jacke aus der Could war (immer anders Modell und Farbe). Aber wie sagt man noch gleich, alle guten…ähm schlechten dinge sind drei . Aber habe die selbe Farbe noch mal gekauft und sobald der Frust überwunden ist stricke ich mir dann die Jacke ( anders Modell natürlich).

    Liebeb Gruß
    Svenja

    • Von Nina am 08. September 2017:

      Na wenigstens freut sich deine Freundin. 😉 Das nächste Modell wird bestimmt besser!

  2. Von B. Cottin am 07. September 2017:

    Ja, manche missglückten UFOs müssen einfach ein bisschen nach reifen, ehe man ein passendes Alternativ-Projekt findet. Wenn sie hinten im Schrank verstaut und aus
    Wollgarn sind: Mottenvorsorge nicht evrgessen!

  3. Von Marion K. am 07. September 2017:

    Hab vergangenes Wochenende endlich einen Pulli aus selbstgesponnener Wolle zuende gestrickt. Abgekettet. ALLE Fäden sofort und sehr sorgfältig vernäht. Ja, er hat am Hals etwas rüschig ausgesehen (im Norweger-Stil gleichmäßig verteilt abgenommen, nach Anleitung). Aber das gibt sich ja sicher… 🙂
    Nein.

    Hab das Teil nach der ersten Anprobe oben wieder aufgemacht (danke, sorgfältig vernähte Fäden, dass ihr bei reiner, handgesponnener Wolle schon dabei leicht anfilzt und nicht leicht zu finden seid. Danke.) Und bis auf die Stelle geribbelt, wo Ärmel und Körper zusammengesetzt wurden. Sprich, die Stelle, die so ver—-t viele Maschen hat, die ich jetzt alle nochmal stricken muss. Und Abnahmen zählen. Und Fäden vernähen… :/

    Aber in dem Teil sitzt schon so viel Arbeit, dass es das einfach wert ist. Auch wenn er mir nicht wirklich stehen wird (auch dafür war die Anprobe informativ). Aber das Garn ist so schön farbenfroh und un. glaublich. kuschelig. Meins 😀

    Ich werd dann mal in meinem Kalender vormerken, dass ich dir zum 100. Geburtstag eine tolle, zum Garn passende Anleitung schenke; ich mag langfristige Pläne 😀
    Schöne Woche dir noch, bin gespannt auf deinen nächsten Beitrag!

    Marion

    • Von Nina am 08. September 2017:

      Ui Marion, damit verdienst du echt einen Orden. Wenn Fäden vernäht sind, sinkt meine Motivation, das Teil noch mal anzufassen, ins Bodenlose. Ich baue darauf, dass mit dem Alter mehr Geduld kommt … 🙂

  4. Von Lena am 08. September 2017:

    Die Anleitung die Du da genommen hast ist aber auch wirklich… nun ja… ungewöhnlich. Habe die Jacke auch schon gestrickt, gleiche Wolle, gleiche Farbe. Das Zopfmuster auf dem Rücken ist viel zu voluminös, die Naht im unteren Rücken sieht unglücklich aus, die hätte man auch seitlich positionieren können und das Zopfmuster über den ganzen Rücken ziehen, der Kragen klappt durch das Muster immer an der gleichen Stelle um und steht ungünstig hoch, vorne unten diese Merkel-Rundung… Alles in allem ne tolle Idee, und auch wenn die Jacke bei mir genauso aussieht wie die die das Drops-Model anhat, sieht es trotzdem total müllig aus! Also, ich würd sagen: Absolut nicht Deine Schuld!!!

    Liebe Grüße,

    Lena

    • Von Nina am 08. September 2017:

      Ach Lena, das beruhigt mich sehr. Und ich dachte schon, es liegt an mir! 😀

  5. Von Suse am 08. September 2017:

    Uh, genau mein Thema zurzeit. Ich habe in meinem Bestand schon seit vielen Jahren
    ein recht extravagantes dickes, mattes Bouretteseidengarn (GGH Serail) liegen. Welches Projekt auch immer ich damit stricken werde: Das Strickstück wird sich nach der Fertigstellung noch dehnen. Wie stark und wohin: Keine Ahnung!

    Ich habe schon mehrere Jacken und Tops so ca. 15 cm hochgestrickt – und immer wieder geribbelt, aus Angst einen riesigen Waschlappen ohne Facon zu fabrizieren.

    Seit ein paar Tagen habe ich nun ein Modell für ein Jäckcken angeschlagen, das viel Dehnung tolerieren könnte (hoffentlich!!!). Aber: Meine Maschenprobe ist signifikant anders als im Modell. Ich muss megamäßig Umrechnen, so dass mir der Kopf raucht.

    Noch stricke ich mutig Reihe für Reihe und verlasse mich darauf, dass meine Umrechnungen skalieren und dass nach dem Waschen und Spannen und Tragen alles am richtigen Platz sein wird.

    P.S.: Mit welchem Modell von Drops stehst du denn so auf dem Kriegsfuß?

  6. Von Corinna am 08. September 2017:

    Nicht traurig sein, Nina!
    Für die Englisch lesenden kann ich da Knitter’s Almanac von Elizabeth Zimmermann http://www.ravelry.com/patterns/sources/knitters-almanac – erstes Kapitel „An Aran Sweater“ empfehlern.

    Für die nicht Englisch lesenden => Fazit von Frau Zimmermann: Man muss bei Zopfmuster eigentlich das Muster im gewünschten Garn schon gestrickt haben und die Maschenprobe davon nehmen, da man den „Schrumpfgrad“ bei Zopfmustern nicht so pauschal vorberechnen kann. Bewährter Tipp: die „Hälfte“ des Musters, also Pulli Vorder- oder Rückseite als Mütze stricken, was breitentechnisch tatsächlich meist aufgeht.

    Tippabwandlung von mir: Anstatt Mütze einen Cowl wählen (also oben nicht zusammennähen), nach dem ersten Zopf- Rapport ausmessen und ggf. Nadelstärke anpassen oder ein paar linke Maschen zwischen den Zöpfen dazumogeln. Die Cowl wird dann ggf. ein bisschen trapezförmig, was aber meist eh gewünscht ist. Praktischer Nebeneffekt: im Notfall hat man dann für den Pullover noch eine schon verstrickte Reserve, falls das Garn dann doch zu knapp kalkuliert war.

    Frohes weiterstricken allerseits 🙂

  7. Von Britta D. am 09. September 2017:

    bei Zopfmuster bitte aber auch nicht vergessen, das Probeteil zu waschen und ggfs. ein bißchen gespannt zu trocknen.

    besonders Zopfmuster in Merino geben nach dem Waschen die vorher gefressene Breite gern wieder her, und die Zöpfe werden flacher, dafür entstehen an den Übergängen zu der ersten linken Masche gerne große Löcher, speziell an den breiteren Zöpfen.

    wenn man die Maschenprobe von dem ungewaschenen Probestück nimmt hat man nach Fertigstellung des schönen Pullis nach der ersten Wäschen einen riesigen Labbersack.

    Die Idee mit dem Probestück als Cowl ist daher eine sehr gute Idee, aber bitte anschließend auch waschen.

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