Ich glaub’ ich spinne, Teil 1

Ich glaub’ ich spinne! Ihr auch? Noch nicht so richtig? Ahaaa, da kann ich nachhelfen! Es ist wirklich ein wunderbares Gefühl, mit seinem selbstgesponnenen Garn zu stricken, das verspreche ich euch. Und genau deshalb möchte ich euch eine kleine Anleitung an die Hand geben, wie man mit einer Handspindel und einem hübschen Kammzug ein feines Garn selber spinnen kann. Der Spinnprozess an sich ist auch gar nicht so schwierig und macht wirklich Spaß, wenn man einmal den „Dreh“ raus hat – höhö. Wichtig ist, dass die Finger die Bewegungen einmal verinnerlicht haben – genauso wie beim Stricken.

Das Herstellen eines Garns besteht im Großen und Ganzen aus zwei Arbeitsschritten – dem Spinnen und dem Zwirnen. Jetzt gibt es so viele verschiedene Spinn- und Zwirntechniken wie es Garne gibt, daher möchte ich erst einmal auf eine einfache Grundvariante des Spinnens eingehen – dem kurzen Auszug für ein klassisches Kammgarn.

Wie man es dann zwirnt, was kurzer Auszug und Kammgarn genau bedeutet und welche Möglichkeiten es sonst noch gibt, erfahrt ihr dann in den Fortsetzungen von Sarah und mir. Also bleibt gespinnt … äh, gespannt!

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Nun geht es aber erstmal mit den Grundlagen los. Bevor wir uns jetzt an die Spindel wagen, gibt es natürlich etwas Theorie, aber ich verspreche mich kurz zu halten. Also, schauen wir uns an, wie so ein Garn überhaupt aufgebaut ist:

Wollfadenanatomie, bitte Platz nehmen.

Wenn wir uns so einen Wollfaden einmal genauer ansehen und ihn etwas aufdröseln, erkennen wir, dass dieser aus mehreren verdrehten Einzelfäden besteht – die flauschigen Docht- beziehungsweise Single-Garne wie Mechita und Kompanie einmal außen vor gelassen. Diese Einzelfäden wiederum bestehen aus miteinander verdrehten Fasern. Beim Spinnen machen wir also nichts anderes, als diesen Aufdröselungsprozess umzukehren.

Wir haben die Fasern vor uns liegen und wollen daraus ein Garn herstellen. Also verdrehen wir erst einige Fasern miteinander im Uhrzeigersinn, spinnen also, und stellen somit einen einzelnen Faden her, diesen nennt man auch Single. Wenn wir nun mindestens zwei Singles haben, können wir diese miteinander gegen den Uhrzeigersinn verdrehen, das ist das Verzwirnen, und –schwups– haben wir ein Garn. Gar nicht so schwer, oder?

Materialien?

Zum einen benötigen wir natürlich Fasern. Im Shop gibt es diese hübschen handgefärbten Merinokammzüge von Malabrigo, welche einfach traumhaft sind. Einsteigern empfehle ich unbedingt, mit einer hellen oder ungefärbten Variante zu üben. Durch den Färbeprozess können die Fasern leicht angefilzt sein und lassen sich dadurch etwas schwerer verarbeiten.

Als Hilfsmittel für den notwendigen Dreh benötigen wir außerdem eine Handspindel oder ein Spinnrad. Handspindeln sind wirklich sehr erschwinglich und zum Ausprobieren sehr gut geeignet. Sie bestehen aus einem Spindelschaft – hier kommt der Faden drauf – und einem Wirtel als Gewicht. Die modernen Spindeln haben außerdem oftmals einen Haken am Kopf oder Fuß des Schaftes, um den entstehenden Faden dort einzuhaken.

Ob der Wirtel am Kopf oder am Fuß der Spindel ist, spielt für das Spinnen an sich eigentlich keine große Rolle, das ist reine Geschmacksache. Das Gewicht der Spindel und die Form des Wirtels wirken sich allerdings schon auf das Spinnen aus. Für den Anfang sei gesagt: Mit leichteren Spindeln lassen sich feinere Garne herstellen und sie drehen sich schneller. Schwerere Spindeln drehen sich langsamer und es lässt sich damit gut zwirnen, da viel Garn auf die Spindel passt.

Neben den üblichen Kopf-/Fußspindeln gibt es noch allerlei Varianten. Das Spinnprinzip ist immer dasselbe, die Unterschiede liegen oft in den Feinheiten oder Wickeltechniken. Für den Anfang empfehle ich euch eine mittelschwere bis schwere Kopf oder Fußspindel mit Haken.

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Fasern (hier „Malabrigo Nube, 850, Archangel“), ein Hilfsfaden und eine Spindel (von links nach rechts: Fußspindel, Kopfspindel, Kreuzspindel), mehr brauchen wir für den Anfang nicht.

Spinnen – los gehts!

Wir haben also unsere Spindel und den Kammzug und wollen damit nun erst einmal einen Single-Faden herstellen. Zuerst müssen wir die Fasern logischerweise irgendwie an der Spindel befestigen, dafür nehmen wir uns einen Hilfsfaden. Das kann ein Reststück eines beliebigen Garns sein, ein Meter genügt. Die Enden knoten wir zusammen, sodass er doppelt liegt. Nun legen wir die Hilfsfadenschlaufe an den Spindelschaft direkt über den Wirtel und ziehen das Ende des Hilfsfadens um den Spindelschaft durch die Schlaufe.

Dieses Vorgehen kann noch einmal wiederholt werden, wenn man das Gefühl hat, dass der Faden nicht fest genug ist. Bei einer Fußspindel wird der Hilfsfaden dann im Uhrzeigersinn um den Spindelschaft in Richtung Haken und einmal um den Haken herum gelegt, bei einer Kopfspindel kann der Hilfsfaden direkt über den Wirtel gelegt und eingehakt werden.

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Jetzt bereiten wir uns die Fasern noch ein wenig vor, damit es sich leichter spinnen lässt. Wir teilen uns vom Kammzug ein Stückchen ab – niemals schneiden oder rupfen, sondern immer die Fasern vorsichtig auseinander ziehen, um sie nicht zu beschädigen. Wenn der Kammzug sehr dicht ist und schwer auseinander zu ziehen ist, kann er vorher ein- oder mehrmals längs geteilt werden, um weniger Fasern auf einmal in der Hand und damit weniger Arbeit zu haben.

Außerdem ist es hilfreich, die Fasern etwas aufzulockern, indem man den Kammzug leicht vorzieht. Dafür nimmt man sich das abgeteilte Stückchen, umfasst es mit der einen Hand und zieht die Fasern an einem Ende mit der anderen Hand vorsichtig etwas auseinander.

Dann greift man mit beiden Händen ein Stückchen weiter und zieht den Kammzug wieder ein wenig aus – so lange, bis man am Ende angekommen ist. Dabei muss man aufpassen, dass sich die einzelnen Fasern nicht komplett aus dem Kammzug lösen. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie weit man ziehen darf, kann man sich ein paar Härchen ganz herausziehen. So lässt sich die Länge der einzelnen Fasern sehr gut beurteilen. Beim Vorziehen kann man gut die Hälfte der Faserlänge auflockern.

Anfangs ist es hilfreich, im Sitzen zu spinnen. Also Spindel inklusive Hilfsfaden und vorbereitetem Kammzug geschnappt, hingesetzt und aufgepasst, es wird jetzt spannend! Wir klemmen uns die Spindel zwischen die Knie, nehmen uns den Kammzug, ziehen an einem Ende einige Fasern ein Stückchen heraus – bitte nicht komplett herausziehen, die Fasern sollen weiterhin mit dem Kammzug verbunden bleiben –, legen diese durch die Schlaufe des Hilfsfadens und klappen sie um.

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Die Übergangsstelle von Fasern zu Hilfsfaden einmal mit linkem Zeigefinger und Daumen gut festhalten und mit der rechten Hand die Spindel im Uhrzeigersinn andrehen und dann die rechte Hand loslassen, sodass sie sich am Hilfsfaden hängend in der Luft dreht. Dabei sammelt sich Drall in dem Hilfsfaden bis zu der Stelle, die wir mit Zeigefinger und Daumen absperren und festhalten. Sobald sich etwas Drall gesammelt hat, können wir die Spindel anhalten und wieder zwischen den Knien parken. Einmal tief durchatmen, der erste Schritt ist geschafft! – siehe Bild 1 weiter unten

Jetzt haben wir Drall gesammelt und können nun Fasern ausziehen und den Drall hinein wandern lassen, um einen Faden zu erhalten. Dabei ist es wichtig, dass der Drall nicht in unseren Faservorrat gelangt, sondern nur in die ausgezogenen Fasern:

Die rechte Hand ist frei und löst nun die linke Absperrhand ab. Dabei gut aufpassen, dass der Drall nicht in die Fasern rutscht, sondern noch im Hilfsfaden bleibt. Jetzt sollte die linke Hand wieder frei sein. Mit dieser halten wir nun den Kammzug locker fest, sodass wir mit der rechten Hand, welche grade den Drall absperrt, vorsichtig die Fasern nach vorne ausziehen können.

Dafür bewegen wir, immer noch absperrend, beide Hände voneinander weg. Dabei lösen sich Fasern aus dem Kammzug. Wichtig ist, dass wir die Fasern nicht komplett von dem Kammzug trennen, sondern dass die ausgezogenen Fasern noch ein klein wenig mit dem Kammzug verbunden bleiben – siehe Bild 2

Haben wir nun einige Fasern ausgezogen, sperren wir wieder mit linkem Zeigefinger und Daumen ab, und zwar zwischen dem Faservorrat in der Hand und den gerade ausgezogenen Fasern – siehe Bild 3. Jetzt können wir die rechte Absperrhand loslassen – siehe Bild 4 – und –schwups–, wandert der gesammelte Drall in die gerade ausgezogenen Fasern und wir haben das erste Stückchen Faden gesponnen! Yay, einmal freuen und noch mal tief durchatmen!

So schön wie das ist, machen wir das gleich noch einmal: Die linke Absperrhand mit der freien rechten Hand ablösen, Fasern vorsichtig ausziehen und dabei nicht vom Faservorrat abtrennen, mit der linken Hand den Faservorrat von den gerade ausgezogenen Fasern absperren, rechte Absperrhand loslassen und –schwups–, wieder ein bisschen Faden mehr! Juhuuu!

Bild für Beitrag „Spinnen 1“ 2

Wow. Und nun?

Theoretisch geht es jetzt immer so weiter, allerdings ist der Drall irgendwann alle und der produzierte Faden muss ja auch noch irgendwo hin, im besten Fall auf die Spindel. Das Problem lösen wir so:

Die linke Hand sperrt gerade wieder den Faservorrat ab und die rechte Hand ist frei. Mit dieser freien Hand schnappen wir uns die eingeklemmte Spindel, haken den Faden aus und wickeln diesen auf den Schaft direkt über den Wirtel.

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Ungefähr eine Elle Faden lassen wir ungewickelt und haken diesen wieder ein. Jetzt geht alles von vorne los. Die linke Hand sperrt immer noch den Faservorrat ab, die rechte Hand dreht die Spindel im Uhrzeigersinn an, der Drall sammelt sich im Faden. Sobald genug Drall gesammelt ist, klemmen wir uns die Spindel wieder zwischen die Knie, damit wir in Ruhe Fasern ausziehen können.

Später, nach ein wenig Übung, kann man sich dann auch das Spindelparken sparen und, noch während sich die Spindel dreht und Drall produziert, die Fasern ausziehen. Für Linkshänder kann es übrigens angenehmer sein, die Aufgabenverteilung für die Hände zu vertauschen – einfach mal ausprobieren. Nach einiger Zeit stellt sich ein ganz eigener Rhythmus ein, versprochen!

Buhuuu, das sieht unaussprechlich aus!

Pfui Spinne: Lasst euch nicht entmutigen, wenn der erste Faden ungleichmäßig ist und wie ein schwangerer Regenwurm aussieht. Das ist völlig normal und geht vermutlich jedem Spinnanfänger so! Es dauert aber bestimmt nicht lange, bis der Regenwurm erfolgreich entbunden hat 😉

 

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Malabrigo Nube – links „850, Archangel“, rechts „031, Mostaza“.

Auf eine Spindel passt, als Faustregel, ungefähr so viel Faden wie ihr Eigengewicht. Jetzt habt ihr also noch ein wenig Zeit die Spindel zu füllen, bis ich euch im nächsten Beitrag zeige, wie man aus dem Single-Faden ein richtiges, verzwirntes Garn zaubert.

Wenn ihr euch vollends vorbereiten wollt, dann könnt ihr die volle Spindel schon einmal abwickeln und noch einen zweiten Single-Faden spinnen. Zum Zwirnen benötigen wir nämlich eine leere Spindel und mindestens zwei Singlefäden. Zum Abwickeln kann die Spindel in einen leeren Karton gelegt und der Singlefaden zu einem festen Knäuel gewickelt werden.

Der Vorteil, wenn ihr direkt einen zweiten Singlefaden spinnt, ist die Übung. Wie schon erwähnt, ist es vor allem wichtig, den Bewegungsablauf zu üben. Ich habe die Spindel anfangs jeden Tag für wenige Minuten in die Hand genommen – je öfter, desto besser. Dadurch bekommen die Finger eine Routine in der Koordination und die Spindel fühlt sich bald genauso vertraut in den Händen an wie eine Stricknadel. Das einzige Problem daran: Man muss sich entscheiden, ob man zur Spindel oder zur Stricknadel greift, beides gleichzeitig habe ich leider noch nicht geschafft 😉

Nur Spinner um ein’ rum …

Videotipp: Ich möchte euch zum Abschluss noch eine Videoempfehlung ans Herz legen. Chanti ist sowohl Online- als auch Kurs-Spinnlehrerin und zeigt in unzähligen, kostenlosen Youtube-Videos den Umgang mit Fasern, Spindel und Spinnrad.

 

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Kommentare

  1. Von B. Cottin am 15. Mai 2018:

    Sehr interessant, dass Du „eine ELLE Faden“ geschrieben hast. Beim spinnen rückt offenbar das Körpergefühl in den Vordergrund, und damit die am Körper abgenommenen Maße!

    • Von Nora am 15. Mai 2018:

      Da hast du recht, ich orientiere mich gerne an dem was ich vor Ort habe. Das ist meistens ein Körperteil, wenn es nicht 100%ig darauf ankommt. Beim Sockenanschlagen wickel ich den Anschlagsfaden z.B. drei Mal um meine Faust, das kommt genau hin 😉

  2. Von Susanne am 15. Mai 2018:

    Liebe Nora,
    dein Artikel kommt genau zum richtigen Zeitpunkt, denn ich habe gerade meinen ersten Spinnversuch gestartet. Herausgekommen sind dicke und dünne Würmchen mit viel zu viel Drall :-))
    Aber ich bleibe auf jeden Fall dran. Wäre doch gelacht, wenn es nicht bald fluppt.

    Gruß Susanne

    • Von Birgit am 15. Mai 2018:

      Liebe Susanne, genauso wie Dir ist es mir vor einiger Zeit auch ergangen ! Ich habe Spindel und Wolle entnervt tief im dunklen Keller versteckt ! Aber mit Nora`s wunderbarer Beschreibung werde ich einen neuen Versuch wagen …. allerdings erst im kommenden Herbst/Winter !! Ich greife in dieser Jahreszeit doch lieber erstmal zur Nadel …. ;)))

    • Von Nora am 16. Mai 2018:

      Sehr schön, das freut mich! Die Würmer werden irgendwann schlanker, versprochen 🙂 Und der richtige Drall ist auch etwas Übungssache. Du kannst aber auch beim Spinnen schon austesten ob er passt: Du ziehst einfach etwas gesponnenen Faden von der Spindel und klappst ihn einmal um und lässt ihn sich mit sich selbst verdrehen. Dann bekommst du eine Vorstellung davon, wie der verzwirnte Faden später aussieht 🙂

    • Von Susanne am 16. Mai 2018:

      Liebe Birgit, das wäre doch gelacht, wenn wir die Faser nicht bezwingen 🙂

      Liebe Nora, den Trick mit dem Drall werde ich heute sofort noch mal ausprobieren. Mein gesponnener Faden sah aus wie eine Tropfsteinhöhle 🙂

  3. Von Martina am 16. Mai 2018:

    Spinnen ist eine wunderbare Beschäftigung. Ich habe auch mit „Nube“ angefangen und fand es recht schwer, die super-feine Merino Faser zu spinnen. Vielleicht doch besser mit einer gröberen Faser beginnen?

    • Von Nora am 16. Mai 2018:

      Es kommt wirklich ganz darauf an, mir viel es zum Beispiel leichter die feinen Merinofasern auszuziehen. Aber du hast natürlich recht, wenn jemand mit den feinen Fasern anfangs gar nicht zurecht kommt, bietet es sich an mit gröberer Wolle zu üben 🙂

    • Von Beatrice Lampe (wolle-garn-und-fadenzauber.blogspot.de) am 21. Mai 2018:

      Eine perfekte Faser für Anfänger ist Neuseelandlammwolle. Deie ist preiswert, weich und lässt sich wunderbar verspinnen. Viel leichter als Merino und dabei ist sie viel weicher als Eiderwolle oder ähnliches, was oft empfohlen wird. so macht das Spinnen von Anfang an bereits Spaß. Liebe Grüße, Beatrice

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