I ♥ Intarsia!

Wenn ich mich so auf Ravelry, Facebook, Stricktreffen und in meinem eigenen Kleiderschrank umsehe und die Stricksachen, die ich dort finde, mit den handgestrickten Sachen vergleiche, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnere, fallen mir mehrere Unterschiede auf. Klar, heute sind andere Materialien und Schnitte in Mode als früher. Auch die Strickgarne haben sich weiterentwickelt: hippe Handfärbungen, hochwertige Naturfasern und Neonsprenkel haben Plüschgarne und Plastikkreationen abgelöst.

Darüber hinaus erinnere ich mich aber auch noch an etwas anderes: Gerade Kinderpullover hatten zu meiner Zeit fast immer liebevoll eingestrickte Motive. Rückblickend scheint es mir, als hätte keine Großmutter der Achtziger ihr Enkelkind ohne großes, mehrfarbiges Motiv auf der Brust aus der Strickstube entlassen. Heute dagegen sehe ich kaum noch etwas davon. Fair Isle ja, Streifen ohne Ende, aber eingestrickte Motive? Fehlanzeige. Grund genug für ein Tutorial!

Bild für Beitrag „Intarsia“ 2

„Intarsia“ heißt die Technik des mehrfarbigen Strickens, bei der jede Farbfläche einzeln gestrickt wird wie eine Einlegearbeit. Im Gegensatz zum Fair Isle werden die nicht benötigten Fäden beim Stricken einer Farbfläche nicht mitgeführt. Der Vorteil: man muss immer nur mit einem Faden gleichzeitig hantieren. Das ist für alle Strickerinnen ein Plus, die Fair Isle zum Beispiel aufgrund ihrer individuellen Fadenhaltung als extreme Herausforderung empfinden.

Außerdem erhält man ein Gewebe, das ebenso schön weich und fließend fällt wie einfarbig glatt rechts Gestricktes, während Fair Isle durch die mitgeführten Fäden direkt mal einen ganzen Happen moppeliger und unflexibler wird. Und ohne Fäden im Hintergrund wird das Strickstück auch nicht ungewollt verzogen – ein echtes Problem für viele Fair-Isle-Strickerinnen (zum Beispiel mich).

Der Nachteil: Jede Farbfläche benötigt ein eigenes Knäuel Wolle. Das macht das Umsetzen von filigranen Mustern zur extremen Geduldsprobe und erklärt, warum Intarsienstrick meistens für isolierte, großflächige Motive eingesetzt wird. Aber schauen wir uns die Technik doch einfach mal in Aktion an. Mit dem passenden Motiv ist Intarsienstrick nämlich eine ganz schön feine Sache. So sieht sie von vorne aus:

Bild für Beitrag „Intarsia“ 4

Und so von hinten:

Bild für Beitrag „Intarsia“ 3

Nett, oder? Kein Fädengewusel wie beim Fair Isle, keine Probleme mit Fadenspannung, alles sauber. Um da hinzukommen, muss man auch nur ein paar wenige Dinge beachten. Gehen wir das Herzchen mal Schritt für Schritt durch.

1. Vorbereitung

Bevor es mit dem Strickspaß losgeht, solltet ihr euch einmal kurz einen Überblick verschaffen, mit wie vielen Farbflächen ihr es zu tun haben werdet. Entsprechend viele Knäuel Wolle braucht ihr nämlich auch. Mein Motiv braucht zweimal Altrosa, weil das Herzmotiv die Farbfläche für einige Reihen in zwei Hälften teilt, und zweimal Pflaume, weil das Motiv im oberen Bereich unterbrochen wird. Streng genommen hätte ich noch ein drittes Knäuelchen Altrosa für die Lücke zwischen den beiden Herzbacken in den oberen Reihen gebraucht, aber das habe ich mir geschenkt und hätte auch mit einem einzigen Knäuel Pflaume arbeiten können. Dazu später mehr.

Bei kleinen Motiven wickelt ihr euch einfach kleine Wollportionen vom Knäuel ab. Tipp: Wenn ihr eure Miniknäuel auf eine Wäscheklammer oder ein Stück Pappe wickelt, könnt ihr den Faden ganz einfach fixieren, wenn er gerade nicht in Gebrauch ist. Ihr werdet für diese Möglichkeit dankbar sein, glaubt mir.

Bild für Beitrag „Intarsia“ 5

2. Kein Farbwechsel ohne Überkreuzen

Dann geht es auch schon los. Ihr strickt immer mit einer Farbe bis zum Ende der Farbfläche, dann lasst ihr den Faden los und nehmt den nächsten auf. Ganz wichtig: Die Fäden immer schön überkreuzen, sonst gibt es gemeine Löcher zwischen den Farben!

Bild für Beitrag „Intarsia“ 6

3. Fäden, Fäden überall!

Ein Tipp am Rande: Nehmt euch die Zeit und den Platz, alle gerade nicht benötigten Knäuel nach einem Farbwechsel ordentlich um euch herum auszulegen. Intarsienstrick hat die Angewohnheit, sämtliche Fäden auf der Projektrückseite in Sekundenschnelle in ein wollenes Schlangennest zu verwandeln. Nachdem ich die Arbeit gedreht oder eine Farbe gewechselt habe, sortiere ich deshalb immer kurz meine Knäuelchen neu. Intarsienstrick ist übrigens kein gutes Projekt für unterwegs. Glaubt mir!

Bild für Beitrag „Intarsia“ 1

4. Mal die Kirche im Dorf lassen

Intarsiamania schön und gut – man muss aber auch nicht päpstlicher als der Papst sein. Bei meinem Herzerl werden die Bäckchen in den oberen Reihen durch zwei Maschen der Hintergrundfarbe getrennt. Dafür nochmal ein extra Knäuelchen wickeln? Das muss nun wirklich nicht sein, zumal diese kleine Farbinsel nur drei Maschen von den großen Hintergrundflächen links und rechts getrennt war. Also habe ich hier kurzerhand den Faden in Altrosa für die rechte Herzchenbacke auf der Rückseite mitgeführt, um mit dem gleichen Knäuel auch die zwei Maschen in der Mitte stricken zu können – eine Mini-Einlage Fair Isle sozusagen.

Theoretisch hätte ich das auch machen können, um für die zweite Herzchenbacke kein neues Knäuel Pflaume anfangen zu müssen, aber ich wollte den Fair-Isle-Anteil so gering wie möglich halten. Mit den mitgeführten Fäden auf der Rückseite fällt das Gestrick nämlich schon nicht mehr so schön.

5. Die Wollnähnadel ist euer Freund

Ja ich weiß, Fäden vernähen ist öde. Beim Intarsienstrick ist es aber ein großes Glück, Fadenenden vernähen zu müssen. Mit ihnen lassen sich nämlich all die kleinen Löcher kaschieren, die beim Stricken entstanden sein mögen. Wenn ihr beim Stricken mit eurem Motiv unzufrieden wart, könnt ihr es jetzt mit etwas Fingerspitzengefühl retten.

Insgesamt ist Intarsienstrick absolut kein Hexenwerk und im Grunde sogar einfacher als Fair Isle. Leider beschränkt sich die Anwendung auf geeignete Motive und auf das Stricken in Reihen. Ja, ich habe euch gesehen, die ihr schon die ganze Zeit fingerschnipsend aufzeigt, um zu fragen, ob Intarsia auch in der Runde gestrickt werden kann. Die Antwort lautet: Jein.

An sich funktioniert Intasienstrick nicht in Runden, weil man dann den Arbeitsfaden nicht dort bereitliegen hätte, wo das Farbfeld beginnt, sondern am anderen Ende der Fläche. Man kann aber sozusagen im Kreis in Reihen stricken, indem man an einem beliebigen Punkt der Runde die Arbeit wendet und in die andere Richtung strickt. Eine Möglichkeit dafür läuft so:

  1. Sucht euch einen Punkt in der Runde, an der möglichst nie ein Farbwechsel stattfindet, und der so unauffällig wie möglich gelegen ist (zum Beispiel bei einem Pullover an der Seite statt direkt auf der Brust). Hier beginnt eure Runde.
  2. Macht einen Umschlag und strickt dann bis zur letzten Masche der Runde.
  3. Strickt die letzte Masche mit dem Umschlag am Rundenbeginn zusammen rechts ab und wendet die Arbeit.
  4. Macht wieder einen Umschlag und strickt nun die Rückreihe mit linken Maschen (oder was auch immer ihr für euer Projekt braucht) bis zur letzten Masche.
  5. Strickt die letzte Masche wieder mit der ersten Masche der Runde zusammen.
  6. Arbeit wenden, Umschlag machen, stricken, letzte Masche mit Umschlag vor dem Rundenbeginn zusammen, immer so weiter, klaro?

Ihr strickt so die Runden in Reihen und könnt damit Intarsienmotive wie oben beschrieben einbringen. Ist der Intarsienteil geschafft, könnt ihr wieder zum normalen Stricken in der Runde übergehen und mit Fug und Recht den Titel „Strickfuchs“ tragen!

Facebook Pinterest Twitter

Kommentare

  1. Von Eva am 11. August 2017:

    Hihi, das erinnert mich an ein nie vollendetes UFO.
    Für meinen jüngsten Sohn hatte ich ca. 1985 einen Intarsienpullover mit den Janosch-Figuren Bär und Tiger gestrickt. Der war so schön geworden, dass nun auch der große Bruder, der eigentlich aus dem Bärchenalter schon heraus war, einen haben wollte. Aber nichts macht weniger Spaß, als ein kompliziertes Strickprojekt zu wiederholen, doch was tut man nicht alles für das liebe Kind.
    Mein Mann hatte mir eigens ein Brett mit mehreren Holzzapfen gebastelt, auf die die einzelnen Knäuel steckte, sie verhedderten sich aber trotzdem und die ständige Umsteckerei machte mich wahnsinnig. Natürlich kam ich mit dem Pullover nicht zu Potte und irgendwann war mein Sohn dann tatsächlich aus dem Alter heraus. Das angefangene Strickstück lag noch jahrelang in meinem Handarbeitskorb, ehe ich mich davon trennte. Eigentlich schade, denn inzwischen habe ich Enkel, denen ein solcher Pullover sicher auch gefallen würde und mittlerweile hätte ich wohl auch wieder Lust das Ding zuende zu stricken. Aber der ‚große‘ steht eh mehr auf Drachen. So ein Pullover mit eingestricktem Drachen wäre für ihn bestimmt der Hit. Hat vielleicht jemand eine entsprechende Anleitung? Das würde mich sehr freuen.

    • Von Nina am 13. August 2017:

      Hallo Eva,
      einen Drachen habe ich nicht auf Lager, aber ich habe ein Programm aufgetrieben, das Bilder in Strickmuster überträgt. Vielleicht hilft dir das weiter?

      http://www.microrevolt.org/knitPro/index.php

      Viele Grüße
      Nina

    • Von Eva am 15. August 2017:

      Oh ja, Super.
      Vielen Dank

  2. Von Uli am 11. August 2017:

    Das aufwändigste war eine Schlittschuh laufende Micky Maus in Winterkleidung vor einer Gebrigslandschaft. Ärmel habe ich bei Kinderpullovern immer oben angefangen, da war das
    verlängern kein Problem. Am Bund wurde halt „der Faden gezogen“ und dann angestrickt. Das mußte ich zweimal machen bis der kleine Bruder endlich erben durfte.

    Die Maus und den Elefanten habe ich selbst größer gezeichnet und umgerechnet. Der Pulli wurde auch erst nach verlängern zähneknirschend abgegeben.

    • Von Nina am 13. August 2017:

      Ha, gute Idee! Und Respekt für deine Strickkünste, dass der Pullover so lange gelebt hat! 🙂

  3. Von Marion K. am 13. August 2017:

    Die Idee mit den Wäscheklammern fand ich super! Könnte man mit denen dann nicht auch die nicht benötigten Fäden am Strickstück selber festklemmen? Dann würde sich nichts (mehr so schnell) verheddern.
    Ich habe noch nichts in größeren Farbflächen gestrickt, aber jetzt würde ich mich das mit deiner Anleitung durchaus trauen. Wie es funktioniert wusste ich schon vorher, aber es klang für mich tatsächlich zu kompliziert bzw fummelig mit den vielen Fäden. Danke daher für die Motivation! 😀

    Schönen Sonntag noch!

    Marion

    • Von Nina am 13. August 2017:

      Hallo Marion,
      auf die Idee, die Wäscheklammern am Strickstück zu befestigen, bin ich noch gar nicht gekommen! Das könnte in der Tat den Hedderfaktor noch mal reduzieren. 😀

  4. Von Britta K am 13. August 2017:

    Hallo. Vieira Dank für die Anleitung! Ich werde das bestimmt mal für meine Kinder ausprobieren.
    Gibt es irgendwo Vorlagen für Motive oder soll ich meine eigene Kreativität am Kästchen-Papier versuchen umzusetzen 😀

    • Von Nina am 13. August 2017:

      Hallo Britta,
      in der Mustersammlung von Drops habe ich schon erstaunlich viele Muster gefunden, die sehr schön sind, wenn man den Pullover drumherum ignoriert. Da lohnt sich Durchblättern auf jeden Fall. Ansonsten habe ich hier eine Seite gefunden, die Bilder in Kästchen umwandelt:
      http://www.microrevolt.org/knitPro/index.php

      Viele Grüße
      Nina

  5. Von Britta K am 13. August 2017:

    Vielen Dank
    sollte es heißen 😉

  6. Von Petra P. am 13. August 2017:

    Guten Morgen,
    gerade das richtige Thema hast Du, liebe Nina angeschnitten. Ich habe mir nämlich vorgenommen einen Pulli zu stricken, wo eben auch ich Rosen einstricken möchte. Die Wolle wartet schon eine Weile auf mich. Das mit dem Verkreuzen werde ich jetzt probieren und extra die 2. Farbe bzw. ich habe noch eine 3. Farbe auf eine größere Wäscheklammer wickeln.
    Vor mir liegt eine Modezeitschrift aus dem Jahre 1989, noch vom Verlag aus Leipzig ( ich weiß gar nicht, ob es den noch gibt ) und da wird eben auch beschrieben, dass man die nichtgebrauchten Fäden lose auf der Musterrückseite weiterführen soll.
    Sie haben zwar eine tolle Zeichenerklärung in Kästchenform zur Auszählung zu Papier gebracht aber die losen Fäden auf der Muster Rückseite haben mich bis jetzt vom Projekt abgehalten.
    L G aus dem verregneten vorderen Bayerischen Wald

    • Von Nina am 13. August 2017:

      Hallo Petra,
      ich staune auch immer, was man in der 80ern von den Strickerinnen für Wunderkräfte erwartet hat … bei mir würden lose mitgeführte Fäden bei Intarsia zum völligen Chaos führen! 😉

  7. Von Susanne Dickmeis am 13. August 2017:

    Ich bin einer der erwähnten strickenden Mütter aus den 80gern.
    Meine Kinder waren damals die Stars im Kindergarten durch ihre selbstgestrickten Pullover. Mickey Mouse, Donald Duck und eine ganze Menge andere.

    Mit zunehmendem Alter wollten sie dann nichts Selbstgestricktes mehr anziehen.

    Heute bin ich Oma und stricke für meinen Enkel zum Schulanfang einen Pullover mit eingestricktem „ABC“. Die Buchstaben musste ich mir mühsam aus dem www irgendwo runterladen.

    Schade, dass es kaum Anleitungen für diese Art von Pullovern für die Kleinen gibt.
    Aber ich hab noch Hoffnung, dass das bald mal wieder kommt:-)

    LG Susanne

    • Von Nina am 13. August 2017:

      Hi Susanne,
      irgendwann kommt ja alles wieder in Mode. Ich habe also Hoffnung. 😉

  8. Von Petra P. am 13. August 2017:

    Hallo Susanne,
    gerade habe ich Dein Schreiben im Blog gelesen, wo du gesagt hast, es gibt kaum Anleitungen für eingestrickte Muster. Ich habe gerade in meinen Uralt heften aus den 80igern viele tolle Pullover für Kinder bzw. Erwachsene gefunden. In einem Heft las ich jetzt sogar das mit dem Verkreuzen der Fäden. Hätte ich das doch schon eher einmal richtig gelesen, hätte ich meinen Pulli schon fertig. Aber solch kleine Enkel habe ich nicht mehr . Aber wenn sich unsere anderen kinder endlich einmal entschließen würden, für Nachwuchs zu sorgen, raffe ich mich auf und stricke diese süßen Teile.

    • Von Susanne Dickmeis am 14. August 2017:

      Hallo Petra,

      du Glückliche. Leider bin ich seit den 80igern einige Male umgezogen und in der Zeit, als niemand mehr strickte, hab ich dann auch ganze Jahrgänge von „Nicoles“ und „Verenas“ und wie sie alle hiessen, weggeworfen. Ich hätte nie gedacht, dass ich sowas nochmal stricken würde 🙂

      Ab so ab und zu findet man ja noch eine schöne Anleitung.

      LG
      Susanne

  9. Von Uli am 13. August 2017:

    Kinderpullover von oben anfangen habe ich von meiner, heute 90 jährigen, Mutter gelernt. Sie hat halt die armen Zeiten erlebt, war aber immer kreativ. Auf die Weise sahen wir nicht in Riesenpullis nach arme Leute Kindern aus. Die Pullis passten gut und durch das verlängern passten sie lange. Bei dünnen „Heringen“ ist die Länge meistens wichtiger.

  10. Von Katrin am 16. August 2017:

    Boah, die Wäscheklammeridee rockt ja!!! Danke!!!

Neuen Kommentar schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.