Fasern im Vergleich

Ein interessantes und hübsches, neues Strickprojekt ist schnell gefunden. Aber wonach wähle ich denn nun das passende Garn für das Traumteil-to-be aus? Es liegt nahe, zuerst einmal nach der Garnstärke beziehungsweise Maschenprobe zu schauen, denn der Pulli soll schließlich hinterher gut sitzen und das Tuch soll nicht zu klein oder zu groß werden.

Allerdings gibt es noch eine Reihe weiterer Kriterien, welche vielleicht nicht ganz unentscheidend sind. Eines davon ist die Garnzusammensetzung, sprich, welche Fasern sind in dem Garn verarbeitet worden? Um euch die zukünftigen Entscheidungen etwas leichter zu machen, mache ich heute mit euch einen kleinen Ausflug in die Welt der Faserkunde.

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Es gibt wirklich viele Materialien, aus denen ein Garn hergestellt werden kann. Auf alle davon detailliert einzugehen, würde vielleicht etwas den Rahmen eines einzigen Blogbeitrags sprengen. Deshalb schauen wir uns heute hauptsächlich die üblichen Verdächtigen an – namentlich Schurwolle, Alpaka, Seide, Baumwolle und Leinen und nehmen auch gleich die erste grobe Unterteilung vor:

Tierische und pflanzliche Fasern

Eigentlich lassen sich alle natürlichen Fasern einer der beiden Gruppen zuordnen: tierische oder pflanzliche Fasern. Die beiden Faserarten unterscheiden sich, klar, wie der Name vermuten lässt, nach Herkunft (kommt die Faser von einem Tier oder einer Pflanze) und dementsprechend aber auch in Struktur, Aufbau und deren Eigenschaften.

Tierische Fasern

Tierische Fasern bestehen hauptsächlich aus Protein und werden daher auch oft als Proteinfasern bezeichnet. Alle Wollfärber unter euch haben den Begriff bestimmt schon einmal gehört. Neben der Seide gehören alle möglichen Tierhaare dazu. Ich möchte niemanden mit chemischem Fachgeplänkel und Zusammensetzungen langweilen, deshalb starten wir direkt mit der Praxis: Was ist sind die Vor- und Nachteile?

Generell lässt sich sagen, dass Proteinfasern wärmender, elastischer, weniger reinigungsbedürftig, mottenanfälliger, aber auch pilzbeständiger sind als Pflanzenfasern. Natürlich unterscheiden sich die verschiedenen Tierhaare je nach Rasse und Herkunft untereinander, und die Seide ist sowieso ein Sonderfall.

Am bekanntesten unter uns Strickern ist wohl die Schurwolle, welche vom Schaf kommt. Um welche Schafrasse es sich dabei genau handelt, ist in besonderen Fällen oftmals im Namen der Garnqualität vermerkt, zum Beispiel bei DROPS Baby Merino oder Madelinetosh Tosh Merino Light. Warum das wichtig sein kann, ahnt ihr bestimmt schon: Merinowolle ist für seine Weichheit bekannt.

Die einzelnen Haare des Merinoschafs sind zwischen 16 und 25 Micron fein (meistens um die 20) und alles unter 22 Micron empfinden die meisten Menschen als nicht-pieksig und angenehm auf der Haut. Das menschliche Haar ist mit seinen circa 75 Micron übrigens wirklich dick und wäre versponnen sicherlich nicht sehr angenehm zu tragen.

Aber erstmal zurück zur Schurwolle im Allgemeinen. Schafwolle ist flauschig, wärmend und leicht, deshalb eignet sie sich so gut für Winterpullover und andere kuschelige Kleidungsstücke oder Accessoires. Je nach verwendeter Rasse, Herkunft und Verarbeitung ist sie mehr oder weniger pieksig. Sie kann sehr viel Feuchtigkeit aufnehmen ohne sich nass anzufühlen – sogar bis zu einem Drittel ihres Eigengewichtes. Durch den speziellen Faseraufbau sagt man ihr eine besondere Selbstreinigungsfunktion nach. Das wäre für den Haushalt auch nicht schlecht! Oft reicht einmal Lüften aus und das Strickstück aus Schurwolle kann wieder bedenkenlos getragen werden.

Je nach „crimp“, also Kräuselung der einzelnen Härchen, kann Schafwolle sehr elastisch sein, was bei Kleidungsstücken keine schlechte Sache ist. Dadurch wirkt das Maschenbild in der Regel auch recht gleichmäßig. Grade Merino ist wirklich sehr, sehr elastisch, daher solltet ihr, wie immer, unbedingt eine Maschenprobe machen und diese auch vor dem Ausmessen waschen. Je elastischer die Fasern und je größer das Strickstück, desto größer ist das Risiko des Ausleierns.

Allerdings ist Schurwolle in dieser Hinsicht nicht allzu nachtragend, nach dem Waschen lässt sie sich etwas in Form ziehen und spannen. Durch das natürlich enthaltene Lanolin, also Wollfett, ist Schurwolle leicht wasserabweisend. Bei Garnen mit Superwash-Ausrüstung ist dieser Effekt nicht ganz so groß, aber durch ein Lanolinbad kann diese Eigenschaft unterstützt oder wiederhergestellt werden. Wenn man Wolle fest verstrickt, ist der Griff logischerweise etwas steifer und dichter. Locker verstrickt, wie bei zum Beispiel bei Lacetüchern üblich, ergibt sich ein schöner, weicher und lockerer Fall.

Alpakas, welche zu der Familie der Kamele gehören, teilen sich viele Felleigenschaften mit den Schafen, allerdings gibt es auch einige Unterschiede. Alpakawolle ist weniger elastisch, aber dafür, aufgrund kleiner Lufteinschlüsse, sehr viel wärmender als Schafwolle. Außerdem ist sie aufgrund des fehlenden Lanolins interessant für Allergiker, Menschen mit Neurodermitis haben allerdings oftmals ihre Probleme mit Alpaka. Das sollte man individuell ausprobieren.

Der Griff eines Pullovers aus Alpakafasern ist weich, flauschig und flutschig und das Maschenbild kann leicht unregelmäßig ausfallen. Alpakawolle gibt es in vielen verschiedenen natürlichen Farbabstufungen, sie ist filzbar, aber robust. Nicht wenige empfinden Alpakafasern als etwas pieksig, aber eine gute Qualität oder sogar Baby-Alpaka kann wirklich sehr fein und angenehm sein – bis hin zu 15 Micron Faserfeinheit ist dort möglich!

Seide ist, wie schon angedeutet, ein Sonderfall in der Gruppe der Tierfasern. Während es sich bei Wolle um geschorene Haare handelt, wird die Seide von einem Tier produziert oder eher gesponnen. Die Raupe einer bestimmten Schmetterlingssorte spinnt ihren Kokon mit einem Seidenfaden, welcher auf speziellen Seidenfarmen „geerntet“ wird. Dieser Faden ist ein Endlosfaden und ziemlich reißfest.

Seide kratzt überhaupt nicht und ist sehr glatt, da sie keine abstehenden Härchen oder Haarschuppen hat. Ein Garn aus Seide hat einen wunderschönen, natürlichen Glanz und fühlt sich sehr weich und kühl an. Ein Tuch aus Seide hat einen ganz leichten und fließenden Fall, aber auch wenig Formstabilität. Im Sommer kann ein Seidenshirt sehr kühlend und angenehm sein, allerdings sollte man mit Schweißflecken vorsichtig sein.

Um Wasserflecken zu vermeiden, sollte ein Stück aus Seide auch immer im Ganzen gewaschen werden. Nach der ersten Wäsche dehnt sich Seide gerne noch etwas aus, deshalb unbedingt die Maschenprobe vor dem Vermessen waschen. Ich kann nicht oft genug betonen, dass sich dies ohnehin immer lohnt, egal welche Faser man verstrickt.

Puh, das war schon eine ganze Menge an Informationen. Könnt ihr noch? Ja? Dann schauen wir uns mal die Pflanzenfasern an:

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Links: Garn aus Pflanzenfasern (DROPS Belle, Baumwolle und Leinen); Rechts: Garn aus Merino-Schurwolle (Malabrigo Rios)

Pflanzenfasern

Der Begriff „Pflanzenfasern“ lässt erst einmal vermuten, dass es sich um einzelne Fasern der Pflanzenstängel handelt. Das stimmt auch, aber nicht ausschließlich.

Leinengarn besteht tatsächlich aus den aufbereiteten und versponnenen Fasern der Flachspflanze, welche auch Spenderin der Leinsamen im Müsli ist – ein sehr vielseitiges Pflänzchen also. Außerdem ist Flachs eine der ältesten angebauten Nutzpflanzen in unseren Breitengraden. Stoff oder Gestrick aus Leinen ist temperaturausgleichend, hat einen leichten Glanz, ist bakterizid, wirkt also leicht antibakteriell, und schmutzabweisend.

Es ist, wenn es öfters gewaschen und getragen wurde, fließend und weich im Griff (und entsprechend tendiert es zum Ausleiern). Anfangs ist ein Gestrick aus Leinen nämlich sehr steif, störrisch und alles andere als anschmiegsam. Man sagt dem Leinen deshalb auch nach, dass es mit dem Alter immer schöner und angenehmer wird und passenderweise ist Leinen auch sehr robust und haltbar.

Das unelastische Leinen knittert sehr schnell, was ihm einen ganz eigenen Charme gibt, den man jedoch mögen muss. Das Maschenbild tendiert dazu, ungleichmäßig zu sein und fügt sich so in den robusteren Charakter mit ein. Aufgrund der kühlenden Eigenschaften ist Leinen optimal für Sommerbekleidung und kann direkt auf der Haut getragen werden, da es absolut nicht kratzig ist.

Die kurzen Fasern der Baumwolle werden aus den weißen Samen geerntet, welche an Wattebäuschchen erinnern. Baumwolle ist ebenfalls sehr saugfähig und pflegeleicht. Obwohl sie sehr unelastisch ist, kann das Maschenbild wirklich gleichmäßig ausfallen. Baumwolle wärmt nicht besonders gut und ist deshalb optimal für Sommerbekleidung geeignet. Da sie nicht pieksig ist, kann sie bedenkenlos auf der Haut getragen und für Babykleidung genutzt werden.

Große Strickstücke aus Baumwolle tendieren dazu, recht schwer zu sein und auszuleiern. Verstrickt fasst sich Baumwolle weich, angenehm und niemals kratzig an. Der Fall reicht von labberig (locker verstrickt) bis etwas starr (fest verstrickt). Baumwolle ist ebenfalls knitteranfällig, aber nicht so extrem wie Leinen.

Natürlich gibt es auch Garne, welche gleich mehrere unterschiedliche Fasertypen enthalten, wie zum Beispiel die DROPS Cotton Merino (Baumwolle und Wolle vom Merinoschaf) oder die Malabrigo Dos Tierras (Merino und Alpaka). Hier werden Fasern kombiniert, um verschiedene Eigenschaften in einem Garn zusammenzuführen, was wirklich spannende und tolle Strickstücke ergeben kann.

Und, schon das passende Garn für das neue Wunschprojekt im Kopf? Dann fehlt ja nur noch die richtige Farbe und schon kann der Strickspaß beginnen!

Ella wollte übrigens noch einmal den Unterschied zwischen Wolle und Katzenfell deutlich machen, letzteres ist eindeutig flauschiger – lässt sich aber schlechter verstricken 😉

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Kommentare

  1. Von Petra P. am 27. März 2018:

    Hallo Nora,

    Du hast heute ein ganz interessantes Thema angesprochen. Es geht aber oftmals gar nicht darum, welche Wolle für welches Produkt man verwendet, sondern man sollte bedenke, was vertrage ich am besten auf der Haut. Ich denke auch daran, wie reinige ich es, filzt es leicht beim Waschen usw.
    Ich stricke sehr gern Drops Baby Merino, da liebe ich die Weichheit und das schöne Maschenbild. Alpaca mag ich auch, der Wärme wegen obwohl man beim Waschen sehr vorsichtig sein muss.
    Mit Filzwolle stricke ich nur Hausschuhe oder Pantoffeln und mit Drops Fabel immer Socken.
    Mit Baumwolle habe ich nicht immer gute Erfahrungen gemacht. Gerade gefärbte Baumwolle hat es schon öfters in sich gehabt und dadurch musste ich dann mit einer Allergie kämpfen, was nicht an der Baumwolle lag, sondern wirklich an der Farbe.
    Aber auch Schurwolle zähle ich mit zu meiner Lieblingswolle, es kommt eben immer darauf an, für welches Strickstück ich die Wolle gerade benötige

    • Von Nora am 27. März 2018:

      Hallo Petra, ja es gibt wirklich viele Dinge die man da beachten kann, und jeder hat so seine eigenen Bedürfnisse und Kriterien. Zum Glück gibt es so viele schöne Materialien, so dass jeder seine Lieblinge findet 🙂

  2. Von Susanne am 28. März 2018:

    Liebe Nora,

    das ist ja mal ein sehr interessanter Artikel! 🙂 (Und ne meeega süße Katze…) Vieles davon wusste ich noch nicht- erklärt aber so einiges (grad was einige für mich „überraschende“ Wascherfahrungen angeht).
    Da du dich so intensiv mit dem Thema beschäftigt hast, eine Frage aus „aktuellem Anlass“: welche Unterschiede gibt es denn bei den tierischen Fasern bei der Knötchenbildung und kann man das auch irgendwie erklären (und eventuell auch vermeiden)? Ich finde Alpaka knödelt z.B. furchtbar… grad so bei den Pullis unter den Armen und an anderen Reibungsstellen… oder ich mach da was falsch?

    LG,
    Sue

    • Von Nora am 28. März 2018:

      Lieben Dank, ich gebe das Kompliment an Ella weiter 🙂
      Diese Knötchen bilden sich leider immer bei sehr feinen Fasern in Kombination mit Reibung, das liegt in der Natur der Sache und man kann dem recht wenig vorbeugen. Generell lässt sich sagen, je feiner die Fasern (z.B. Alpaka oder Merino) desto pillinganfälliger sind sie. Bei Dochtgarn ist es noch einmal heftiger als bei verzwirntem Garn, da die Verzwirnung das Garn widerstandsfähiger macht, dafür ist es natürlich dann auch weniger fluffig.
      Wenn du gar keine Lust auf die Extrapflege hast, könntest auf auf anderes, robusteres Garn, eventuell mit Polyanteil zurückgreifen. Die Drops Nord zum Beispiel pillt dadurch weniger als reines Alpakagarn.

      Als Abhilfe funktioniert der gute alte Fusselrasierer aber ziemlich gut, alternativ geht auch ein Einwegrasierer, da muss man nur eben etwas vorsichtiger sein. Danach sieht das Gestrick dann wieder aus wie neu!
      Die Caro hat mal einen Beitrag dazu geschrieben, hier ist er: http://www.lanade.de/blog/wie-ist-das-denn-eigentlich-mit-dem-pilling/

      Liebe Grüße!

    • Von Susanne am 29. März 2018:

      Liebe Nora,

      mir waren diese Rasierer immer unheimlich (ich hatte Angst was damit kaputt zu machen), aber nachdem ich den von dir verlinkten Beitrag gelesen habe, hab ich mir jetzt doch mal einen bestellt und freu mich regelrecht drauf ;-)- ich fand es sooo schade, dass meine stolz getragenen Erstlingsstücke (ich stricke noch nicht so lange) gleich so schmuddelig ausgesehen haben! Danke für den Tipp :-)! Und Kunststoffgarn- och nöööö… außer bisschen bei Socken ;-)… aber dieser sooo schön weiche Griff beim Stricken… und das schöne Gefühl nach dem „was? das hast du selbst gestrickt??“ noch ein strahlendes „ja, und das ist reines Alpaka!“ nachschieben zu können… da bin ich lieber mutig und rasier meine Pullis ;-).

      Danke dir und viele liebe (Oster)Grüße!

  3. Von Customessaywriting am 28. März 2018:

    Thanks so much for the post.Much thanks again. Really Cool.

  4. Von Dorothea am 31. März 2018:

    Hi Nora,
    viele Sachen super erklärt, Danke!
    Ich hätte aber noch die Frage: Sockenwolle besteht meistens aus 75% „Schurwolle“ (ziemlich picksick, da ich sehr fest stricke) und 25% Polyamid. Ich habe jetzt aber auch die Zusammensetzung 80% „Wolle“ und 20% Polyamid gesehen. Was ist der Unterschied zwischen „Schurwolle“ und „Wolle“?
    Vielen Dank im Voraus und viele Grüße
    von Dorothea

    • Von Nora am 01. April 2018:

      Hallo Dorothea,

      Schurwolle und Wolle sind beides Bezeichnungen für Fasern des Schafs und bedeuten eigentlich das selbe. Genau genommen ist Schurwolle allerdings vom lebenden Schaf geschorene „neue“ Faser. Wenn nur Wolle auf dem Etikett steht (ohne „Schur-„), dann muss die verwendete Faser nicht unbedingt neu oder vom lebenden Schaf kommen, außerdem dürfen zusätzlich Fasern eines anderen Tieres beigemischt sein. In der Praxis wird Wolle aber oft als Synonym für Schurwolle verwendet.

      Viele Grüße zurück und schöne Ostern 🙂

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