Die Sache mit der Domina(nz)

Dominante Farben? In meinem Gestrick? Ja was denn, gibt es auch unterwürfige? Lack-und-Leder-Szene? Nein, natürlich alles Quatsch! Farbdominanz, oder auf strickdeutsch Colour-Dominance, kommt immer dann zum Tragen, wenn Fair Isle-Muster gestrickt werden. Und da wir ja alle grad so schön im Fair Isle-Fieber sind, dachte ich, ich erzähle euch mal etwas dazu.

„Joot, jetz stelle mer uns ma jannz doof!“, wie es schon so schön in der Feuerzangenbowle hieß. Beim Stricken von mehrfarbigen Mustern gibt es immer eine Hintergrundfarbe und eine oder mehrere Musterfarben. Auch die Hintergrundfarbe kann zwischendurch wechseln, aber das soll uns erstmal nicht weiter stören. Die „Musterfarbe“ stellt sich im Idealfall etwas prominenter dar als die Hintergrundfarbe, die Maschen wirken plastisch, so kommt das Muster schön zur Geltung. Genau das ist die Farbdominanz.

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Wie kommt es dazu? Ganz einfach, eigentlich. Wenn man mit zwei Farben strickt, muss eine der beiden an der Rückeite des Strickstücks unsichtbar und unbeachtet mitlaufen, bis sie wieder an der Reihe ist. Dabei sortiert sich immer ein Faden über beziehungsweise unter den anderen. Der Faden, der sich unter den anderen sortiert, hat einen längeren Weg bis zur nächsten Masche, denn er macht ja einen kleinen Umweg und läuft nicht geradeaus wie der andere Faden. Dadurch braucht er auch etwas mehr Garn. Merkt ihr, worauf es hinaus läuft? Richtig! Umweg = mehr Garn = größere Masche = Dominanz!

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Tadaaa, Geheimnis gelüftet. Was? Das war schon alles? Ja, eigentlich schon. Wir können natürlich auch Einfluss darauf nehmen. Und zwar durch die Fadenhaltung beim Stricken. Und wieder ist die Lösung ganz einfach: der dominante Faden läuft links neben dem devoten (so kann er ihn mit rechts züchtigen, haha), sprich: den Faden in der Musterfarbe hält man links von der Hintergrundfarbe. So ist er weiter weg von der Arbeitsnadel (rechte Nadel) und hat einen weiteren Weg zurückzulegen, bis aus ihm wieder eine Masche wird.

Dabei ist es egal, welche Technik ihr dafür benutzt. Ob ihr beide Fäden über den Zeigefinger laufen lasst, einen Fadenring benutzt, amerikanisch strickt, oder den nicht benutzen Faden einfach fallen lasst und bei Bedarf wieder aufnehmt: Die Musterfarbe wird links gehalten, so hat sie einen weiteren Weg und sortiert sich  auf der Rückseite immer unter der Hintergrundfarbe durch. So verbraucht sie mehr Garn, die Masche wird dicker ⇒ Dominanz! Wir wiederholen unser neues Mantra: Die Musterfarbe nach links. Die Musterfarbe nach links. Die Musterfarbe nach links.

Ich persönlich lasse beim Fair Isle-Stricken einen Faden von vorn nach hinten und den anderen von hinten nach vorn über den Zeigefinger laufen. Die dominante Farbe läuft dabei immer von vorn nach hinten (damit automatisch links von der Hintergrundfarbe) ist also auf meinem Zeigefinger vorne und somit hier schon dominant. So kann sogar ich mir das merken 🙂

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„Und was soll das alles? Als ob die paar Mikrometer einen Unterschied machen, gääähn …“ Jaaa, das hab ich auch mal gedacht. Aber ich dachte ja auch mal, dass die Sache mit den Farbpartien Humbug sei, darum müsse man ja wirklich kein großes Gewese machen! Aber wie sagte meine Chefin in der Ausbildung damals so nett? „Unter Schmerzen lernt man!“ Und Recht hat sie (leider). Schaut mal hier, isch hab da mal wat vorbereitet:

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Links ist Grau die Hintergrundfarbe, die Musterfarben sind dominant. Rechts ist es umgekehrt. Seht ihr, wie das Muster verschwimmt und verschwindet? Es wird von den dominanten Hintergrundmaschen geschluckt. Auf der linken Seite hingegen kommt das Muster schön zur Geltung, es wirkt nicht so gedrungen und (ja, sagen wir es ruhig) hässlich wie auf der rechten Seite. Das Muster ist übrigens aus der Scatness Tunic von Kate Davies. Die Farben kommen euch bekannt vor, weil es die Reste meines Lovage-Pullovers sind 😉

Noch ein Beipiel? Aber gern. Links wieder mit richtiger Colour Dominance, rechts wieder falsch rum. Bei so einem einzelnen Herzchen sieht es nicht so hässlich aus wie bei Kates Muster, wenn man die Dominanzen vertauscht. Aber stellt euch mal ein paar von denen auf einer Mütze oder einem Pulli vor. Und dann so zusammen gedrückt. Nee, das geht nicht!

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Wenn ihr also mal nach Vollendung eines Fair Isle-Strickstückes gedacht habt, „Hä, was’n hier passiert?“, kann das die Lösung sein. Vielleicht lag es nicht nicht am Garn, der Anleitung, dem Mond oder etwa daran, dass es euch an Geschicklichkeit mangelte. Vielleicht lag es an der Colour Dominance.

Und wie erkennt man nun, welche Farbe dominant sein muss? Ist es immer die dunklere der Farben? Ruft sie, „Halt! Mich! Links!“? Nein, natürlich nicht. Meist erkennt man es ziemlich einfach im Strickmuster, manche DesignerInnen schreiben es sogar dazu, Jennifer Steingass beim Arboreal zum Beispiel. Eine Faustregel gibt es hier nicht, auch wenn man manchmal Sachen hört wie, „Die dunklere der Farben muss die dominante sein.“, oder, „Die Farbe mit mehr Maschen muss die dominante sein“. Einen hellen Norweger-Stern auf dunklem Hintergrund später sind beide Theorien schon widerlegt. Viele Fair Isle-Muster sind auch nicht in Farben, sondern Punkten oder Kreuzchen kodiert. Der Punkt ist dann die Kontrastfarbe, also dominant.

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Wenn es ein vergleichsweise kompliziertes Muster ist, muss man es im Zweifelsfall einfach ausprobieren. Maschenprobe müssen wir ja eh machen, gell? Und wenn auch das keine Erleuchtung gebracht hat, ja, dann einfach entscheiden und dabei bleiben. Konsistenz heißt hier das Zauberwort. Bei einigen Fasern ist es wichtiger als bei anderen, auf die Dominanz zu achten. Flutschige, weiche Merino verzeiht da einiges mehr als mein neuer Liebling. Aber trotzdem, es lohnt sich, darauf zu achten!

Wie war noch mal unser neues Mantra? Musterfarbe nach links! Namasté.

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Kommentare

  1. Von Britta D. am 09. Juli 2018:

    ich verstehe da was nicht: Du schreibst ganz oben, daß die dominante Farbe also MusterFarbe? als Hauptfarbe immer links auf dem Zeigefiger sein muß, rechts die Hintergrundfarbe, aber dann schreibst Du:

    *Ich persönlich lasse beim Fair Isle-Stricken einen Faden von vorn nach hinten und den anderen von hinten nach vorn über den Zeigefinger laufen. Die dominante Farbe läuft dabei immer von vorn nach hinten (damit automatisch links von der Hauptfarbe)*

    links von der Hauptfarbe? also die HIntergrundfarbe links? ???? ich bin als Fairisleneuling jetzt total verwirrt und etwas entmutigt

  2. Von Tüt am 09. Juli 2018:

    Mein Merksatz lautet „Hauptfarbe näher am Herzen.“ Gerne stelle ich mir dann auch vor, wie sie von meinem Herz quais aus dem Gestrick rausgezogen wird, sodass die Maschen plastischer sind 😀 Und für die meisten sollte der Merksatz auch funktionierten.

    • Von Sarah am 11. Juli 2018:

      Ach, das ist aber schön!!

  3. Von Susan am 09. Juli 2018:

    Ich verstehe Deine Verwirrung denn es es ist tatsächlich etwas widersprüchlich ausgedrückt. Mit Hauptfarbe meint die Autorin nicht die Hintergrundfarbe sondern die Muster- oder Kontrastfarbe. Also die Farbe, die in dem Muster gerade die Hauptrolle spielt.

    Ich würde persönlich auch eher die Hintergrundfarbe als die Hauptfarbe bezeichnen im Gegensatz zur Kontrastfarbe, die prominent erscheinen soll.

    Also für Dich (und mich):
    Hauptfarbe des Gestrickes = Hintergrundfarbe = rechts halten = zurücktretend
    Kontrastfarbe = Farbe des Musters = links halten = dominant

    Lg
    Susan

    • Von Britta D. am 09. Juli 2018:

      Hallo, Susan,

      danke für Deine Erklärung, vor allem, das die „Haupt“farbe die Musterfarbe ist und nicht die Hintergrundfarbe, welche auch nach meinem Empfinden den Hauptanteil am Pulli ausmacht.

      Danach vermute ich mal, daß sich Sarah tatsächlich verschrieben hat, wenn sie schreibt links von der Hauptfarbe, sie meint wohl Hintergrundfarbe.

  4. Von Ingrid am 09. Juli 2018:

    Habe ich es etwa bislang falsch gemacht?
    Ich glaube nicht, denn ich stricke auf die amerikanische Art (Faden re. Hand), dabei halte ich die Vordergrundfarbe links (= Daumen = oben) und die Hintergrundfarbe rechts (= Zeigefinger = unten).
    Es ist also wohl doch nach Strickart unterschiedlich.
    LG
    Ingrid

    • Von Sarah am 10. Juli 2018:

      nein, alles richtig. Meine Begrifflichkeiten haben für Verwirrung gesorgt, ich habe das jetzt geändert.

  5. Von Sarah am 10. Juli 2018:

    Okay, da hat die Nomenklatur wohl etwas für Verwirrung gesorgt, das tut mir leid. Ich habe die Begriffe nun geändert in „Musterfarbe“ und „Hintergrundfarbe“, ich hoffe, jetzt ist es allen klar.

    • Von Britta D. am 10. Juli 2018:

      oh ja super, jetzt hab ich es kapiert! Und besten Dank für Deinen Artikel, der kommt genau richtig VOR meinem ersten Fairisle Projekt und hat mir garantiert jede Menge Frust erspart. Ich erinnere mich nur noch dunkel an meinen ersten und einzigen Islandpulli vor 40 Jahren, und damals hat mir meine Omi gezeigt, wie man das strickt, und ich hatte das alles vergessen.

  6. Von Katrin am 10. Juli 2018:

    Liebe Sarah,
    vielen Dank für diesen Tip! Davon habe habe ich jetzt das erste Mal gehört!
    Die Beispiel-Fotos sprechen Bände.

    LG Katrin

  7. Von Charlotte am 10. Juli 2018:

    Wahnsinn, was das für einen Unterschied macht! Ich habe noch nie Fair-Isle gestrickt, mir aber kürzlich das Muster für den besagten Arboreal zugelegt. Beim ersten Lesen fand ich das alles ganz schön schwierig zu verstehen, da fehlt mir wohl die praktische Erfahrung dazu. Trotzdem vielen Dank für den Beitrag und die Fotos vom „richtig“ und „falsch“ gestrickten. Das wird mich hoffentlich davon abhalten, das einfach irgendwie zurecht zu wuseln (und dann am Ende fürchterlich enttäuscht zu sein..)
    Abgesehen davon, wie immer ein sehr unterhaltsamer und schön geschriebener Beitrag!
    Liebe Grüße

  8. Von Andrea am 10. Juli 2018:

    Ich habe gerade das Ölandtuch Persnäs abgekettet. Ich stricke fair isle mit jeweils einem Faden über dem rechten und einem über dem linken Zeigefinger. Zufällig habe ich den Musterfaden links geführt. Mann war ich erleichtert, dass ich das nach all der Arbeit wohl instinktiv richtig gemacht habe!!! Ich habe mir über die Dominanz noch nie Gedanken gemacht, aber die Vergleichsfotos sind wirklich beeindruckend. Muss ich mal ausprobieren! Vielen Dank, man lernt nie aus!
    LG,
    Andrea

    • Von Sarah am 11. Juli 2018:

      Hallo Uli, das ist ja interessant. Habe ich noch nie gehört, echt! Aber man lernt ja nie aus, gell? Für diejenigen, die auch gern so gleichmäßig stricken möchten wie eine Maschine: in diesem Video https://www.youtube.com/watch?v=YJdlBzrYKss zeigen die lustigen Herren, wie sie diese Gleichmäßigkeit in der Spannung zustande bringen. Die vielgelobte norwegische Art zu stricken scheint ein Mittelding aus beidhändig (also eine Farbe über den linken Finger, eine wird geworfen) und „den Faden immer wieder fallen lassen“ zu sein. Die Rückseiten der Strickstücke sind leider nicht ordentlich zu sehen, wahrscheinlich wechseln sich die Wege des nicht benutzen Fadens ab, einmal läuft er unter und in einer anderen Reihe über dem anderen Faden her. Beide Techniken finde ich persönlich sehr umständlich und bleibe lieber bei der bewährten Art mit „schlechter Fadenspannung“ 🙂 So wird es auf der Rückseite auf keinen Fall zu eng und ich finde auch, dass es nett aussieht, wenn die Musterfarbe etwas dominant ist. Aber ein interessanter Ansatz.

  9. Von Tünde am 14. Juli 2018:

    Hallo Sarah,
    Merci für dein ausführlichen Artikel zur Farbdominanz.
    Habe mich dabei halb klingelig gelacht, weil ich beim Lesen an meine ersten Fairisle Versuche und die dadurch verursachte Verzweiflung denken musste. Bis mir damals aufgefangen ist, wie diese unterschiedliche Wirkung, also Dominanz, zustande kam.
    Ich persönlich lasse den Musterfaden hinten immer wieder fallen, beziehungsweise über den linken Mittelfinger mitlaufen.
    LG

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