Ausgefuchst: der gemeine und der geniale Fadenwechsel

Heute werfen wir mal einen Blick auf das Wie und Warum des Faden(ab)wechselns. Also nicht auf das Neu-Ansetzen, wenn ein Knäuel zu Ende geht und ein weiteres eingebunden werden muss (dazu könnt ihr hier mehr lesen), sondern auf das ominöse, abwechselnde Verwenden von zwei oder mehr Garnsträngen oder -knäueln beim Verstricken von handgefärbten Garnen oder Garnen aus unterschiedlichen Partien. Braucht man das? Ja. Glaubt mir.

Wenn ihr schon mal handgefärbte Garne in der Hand hattet, kennt ihr das sicher: zwei Stränge derselben Farbe sehen sich durchaus ähnlich, oft sogar sehr ähnlich. Quasi gleich!, möchte man behaupten. Aber insbesondere bei den bunteren Farben täuscht das! Und wenn man Pech hat, enttäuscht das auch ganz schön – nämlich wenn man viele Stunden Strickarbeit hineingesteckt hat und nachher feststellt:

Heieiei, man sieht auf den ersten Blick, wo der eine Strang endet und der nächste beginnt.

… und beziehungsweise oder:

Na toll, die helleren und dunkleren Abschnitte mögen einander nicht und haben sich zusammengerottet.

Flecktarn auf zivilen Strickpullovern! Farbmagnetismus im Strickstück! Oder (ungewolltes) Colorpooling. Aber keine Panik, beides kann mit geschickter Fadenwechseltechnik vermieden werden.

Bild für Beitrag „Fadenwechsel“ 1

Wenn ihr schon mal handgefärbte Garne bei uns gekauft habt, kennt ihr sicher unseren Flyer. Der empfiehlt euch wärmsten Herzens …

Verstricken kann man unterschiedlich gefärbte Stränge am besten, indem man das neue Knäuel nach und nach einfließen lässt, also einige Zentimeter reihenweise wechselt. So gibt es keine harten Übergänge und die Farben fließen schön ineinander. Selbstverständlich kann man auch einfach grundsätzlich reihenweise abwechseln.

Praktisch bedeutet das, dass ihr mit Faden 1 bis zu einer bestimmten, oft extra markierten Stelle strickt, Faden 1 loslasst und ab der nächsten Masche mit Faden 2 strickt. Später wird wieder gewechselt und so weiter und so fort. Durch das Abwechseln werden die „Charaktäre“ der Stränge vermischt und angeglichen.

Die Stellen, an denen ein Knäuel endet und ein neues beginnt, werden geschickt überspielt, solange ihr dafür sorgt, dass der andere Strang kontinuierlich weiterverwendet wird. Und selbst mit mehreren, sehr unterschiedlichen Strängen kann man gleichmäßige Ergebnisse erzielen. Ich zeige euch jetzt, wie man das im konkreten Fall umsetzt.

Erstes Beispiel: oben seht ihr zwei Restknäuel Malabrigo Arroyo in der schönen Farbe Piedras. Diese sind mit einigem zeitlichen Abstand zu mir gekommen (mein Schatzzz!) und ein sicherlich sehr deutliches, andererseits aber auch nicht ungewöhnliches Beispiel für unterschiedlich ausfallende Individuen einer Farbpopulation.

Dem Knäuel links hat die lila Färbelösung am besten geschmeckt, das rechts ist scheinbar einmal komplett durch alle Farbtöpfe gefallen. Ein Unikat. Das trifft es. Verstrickt man diese beiden ganz blauäugig hintereinander, also erst den einen, bis er aufgebraucht ist, und dann den anderen bis zum bitteren Ende, passiert was ich oben schon erwähnte: ein gigantischer, neonpinker, pfeifender Stroboskop-Pfeil fällt vom Himmel und zeigt fortan auf die ohnehin deutlich sichtbare Stelle, an der man die Stränge gewechselt hat.

Bild für Beitrag „Fadenwechsel“ 8a

Zwei Knäuel, in Reihen

Strickt ihr mit zwei Knäueln in Reihen, solltet ihr stets nach zwei Reihen das Knäuel wechseln. Dazu eignet sich je nach Muster und Randmaschenart besonders die erste, vorletzte oder letzte Masche der Hin- oder Rückreihe. Als allgemeiner Tipp sei gesagt, dass der Faden nicht genau da gewechselt werden sollte, wo ihr Zu- oder Abnahmen macht. Und achtet auf die richtige Spannung bei Fadenwechsel, indem ihr vorsichtig am neuen Faden zieht, bis die damit zuletzt gestrickte Masche dieselbe Größe hat wie alle anderen.

Bild für Beitrag „Fadenwechsel“ 2

Ich verkreuze meine Fäden beim Wechsel auf der Rückseite der Arbeit, indem ich den aktuellen, hier gelblichen Faden als letzte Amtshandlung nach rechts über den künftigen, hier bläulichen Faden lege, sodass sie sich Wechsel für Wechsel miteinander verweben.

Bild für Beitrag „Fadenwechsel“ 3

Bild für Beitrag „Fadenwechsel“ 8b

Das Ergebnis, im mittleren Drittel, sieht schon deutlich besser und gleichmäßiger aus, oder? Rechts erkennt man noch die Doppelreihen – wie man die los wird, zeige ich später.

Zwei Knäuel, in Runden

Strickt ihr mit zwei Knäueln in Runden, habt ihr grundsätzlich die Möglichkeit, jede oder jede zweite Runde abzuwechseln. Alle zwei Runden zu wechseln hat den Vorteil, dass man nicht so häufig wechseln muss, aber den Nachteil, dass man sich merken muss, ob nun schon ein Wechsel dran ist oder doch erst in der nächsten Runde 😉 Wer alle zwei Runden wechselt, sollte die Fäden beim Wechsel auf der Rückseite verkreuzen – wie auf dem linken Foto gezeigt – so halten sich die mitgeführten, losen Abschnitte aneinander fest und es bilden sich keine Löcher.

Bild für Beitrag „Fadenwechsel“ 4

Jede Runde zu wechseln ergibt eine bessere, gleichmäßigere Mischung. Außerdem, und das wurde mir auch erst vor Kurzem klar, braucht man die Fäden auf der Rückseite nicht zu verkreuzen – so wie auf dem rechten Foto –, wenn man in jeder Runde wechselt. Und zur Belohnung wird der Fadenwechsel auf der Innenseite dabei auch noch komplett unsichtbar! Faulsein wird belohnt – fantastisch! Übrigens ein Riesenvorteil, wenn das Strickstück später von beiden Seiten zu sehen sein wird.

Bild für Beitrag „Fadenwechsel“ 5

Was nun aber, wenn man mehr als zwei sehr unterschiedliche Stränge respektive Knäuel hat und diese nicht gleichmäßig verteilen kann? Hier hatte ich kürzlich einen genialen Einfall. Ich schilderte ihn Carolin, in Abwesenheit, lang und breit per SMS und wurde circa drei Stunden später prompt bestätigt mit: „Jaaa, ganz prima … das gibt es schon :)“.

Hehe, Dinge erfinden, die es schon gibt, ist super. Dann weiß man auch gleich, dass es funktionieren wird. Zweites Beispiel, oben schon im Bild, mein Sunset Highway Sweater mit drei wunderschönen Unikaten Madelinetosh Twist Light, Badlands für Body und Ärmel:

Bild für Beitrag „Fadenwechsel“ 7

Drei oder mehr Knäuel, in Runden

Es ist ganz einfach. Für jedes zusätzliche Knäuel, das man gleichzeitig einbringen möchte, fügt man eine weitere Wechselstelle hinzu. Bei drei Knäueln benutzt man also zwei Wechselstellen.

Bild für Beitrag „Fadenwechsel“ 6

Mit dem ersten Faden strickt man also nur noch eine halbe Runde bis zur ersten Wechselstelle. Dort lässt man Faden 1 wie eine heiße Kartoffel fallen und strickt ohne Verkreuzen mit Faden 2 die andere halbe Runde bis zur zweiten Wechselstelle (Rundenanfang). Hier bleibt Faden 2 zurück und man strickt alle Maschen, die man zuvor mit Faden 1 gestrickt hat, nun mit Faden 3 ab.

Alle Fäden im Spiel, aber keine Verwirrung! An der nächsten Wechselstelle wartet nämlich nur Faden 1. Man lässt also Faden 3 fallen und strickt mit Faden 1 weiter, um dann am Rundenanfang weiter zu Faden 2 zu wechseln. Auf diese Art und Weise werden alle drei Farben, ohne sichtbaren Übergang, absolut gleichmäßig miteinander vermischt und auf das Strickstück verteilt.

Das funktioniert auch mit vier Knäueln (drei Wechselstellen), fünf Knäueln (vier Wechselstellen) oder hundertachtundneunzig Knäueln (hundertsiebenundneunzig Wechselst… ihr habts kapiert …), ohne dass man beim Fadenwechsel auch nur eine Sekunde lang überlegen muss. Es ist schlicht immer nur ein anderer Faden da. Wenn ihr das nicht glauben möchtet, googelt mal „Helixknitting“. Da wird der Effekt zwar zum Erzeugen von dünnen (und nicht zum Vermeiden von breiten) Streifen genutzt, aber das Prinzip ist genau das gleiche.

Drei oder mehr Knäuel, in Reihen

… und das lässt sich natürlich auch auf das Stricken in Reihen anwenden. Mit drei Strängen oder Knäueln und zwei unsichtbaren Wechselstellen (nicht verkreuzen!) – eine am Reihenanfang und eine am Reihenende – kann man jede Reihe mit einem anderen Faden stricken und vermeidet so auch die Doppelstreifen, die wir oben noch als kleinen Schönheitsfehler haben durchgehen lassen.

Bild für Beitrag „Fadenwechsel“ 8c

Find ich total klasse! Wenn es euch nicht gefällt: ist nicht meine Erfindung – das gabs schon! 😉

Facebook Pinterest Twitter

Kommentare

  1. Von Gabi am 16. Januar 2018:

    Super erklärt, vielen Dank.

    • Von Antje am 17. Januar 2018:

      Sehr gern 🙂

  2. Von Birgit am 16. Januar 2018:

    Wow, danke für den tollen Beitrag! Als ich die Überschrift gelesen habe, dachte ich erst „was gibts da schon viel zu zu sagen?“ – wie ich gemerkt habe: sehr viel und äußerst informativ!

    • Von Antje am 17. Januar 2018:

      Danke dir 🙂 Den Beitrag wollte ich eigentlich schon lange schreiben, bin aber froh dass ich noch bis zur Helix-Erkenntnis gewartet habe 😀

  3. Von Klara am 17. Januar 2018:

    Bei „Das neue Knäuel nach und nach einfließen lassen“ oder „abwechselnd stricken“ habe ich mich schon immer gefragt was man dann macht wenn man mit beiden Knäueln gleichzeitig fertig wird. –> Helixstricken! Genial! Vielen Dank! Irgendwann werde ich es brauchen:)

    • Von Antje am 17. Januar 2018:

      Dann viel Spaß 🙂 *wink!

  4. Von Daniela am 17. Januar 2018:

    🙂 Hach, Antje. Was les ich dich gerne.

    • Von Antje am 17. Januar 2018:

      <3 <3 <3

  5. Von Eva am 17. Januar 2018:

    Danke für den guten Tipp. Ich stricke sehr gern mit DROPS Delight und habe mich schon oft gefragt, wie ich es anstellen soll, gleichmäßige Farbverläufe hinzubekommen, so wird es wohl gelingen.
    Jetzt fehlt mir nur noch eine Idee, wie ich es schaffe, bei paarigen Stücken wie Socken oder Ärmeln ein halbwegs seitngleiches Aussehen zu erzielen.
    Manchmal ist es ja egal, aber so hin und wieder möchte ich schon, dass der linke Pulloverärmel genau so aussieht wie der rechte.
    Klar, versuche ich durch Abwickeln des Fadens beim neuen Knäuel möglichst die passende Stelle zu treffen, aber das gelingt mir nicht immer. Außerdem führt es dazu, dass sich in meinem Restekörchen inzwischen ein ordentliches Sortiment von Miniknäueln der unterschiedlichsten Delight-Farben angesammelt hat.
    Also, hier fehlt mir noch der Gedankenblitz. Wer hat da ne Idee?

  6. Von Britta D. am 17. Januar 2018:

    die Miniknäule in den Bündchen verarbeiten, da stricke ich für die Elastizität immer mit weniger Maschen (ca 1/4 bis 1/3 weniger)aber dafür doppeltem Faden.

  7. Von Claudia am 17. Januar 2018:

    Antje, super erklärt und für mich genau zur richtigen Zeit (hab mir gerade erst meine ersten Stränge Madelintosh bestellt).
    Eine Frage hätt ich noch: Wie bekommst Du aus den Strängen diese hübsch gleichmäßigen Knäul gewickelt? Da gibts doch sicher auch nen Trick oder ein Hilfsmittel…

    • Von Klara am 18. Januar 2018:

      Wool Winder!

    • Von Claudia am 22. Januar 2018:

      Danke!
      Ich denk so ein kleiner Kurbelfreund zieht auch bei mir ein 🙂

    • Von Anja am 06. Februar 2018:

      Ehrlich, ich denke auch schon lange darüber nach, mir einen Wollwickler zu kaufen und hab das immer wieder verworfen. Hab letztens sogar einen Strang Madelinetosh Prarie von Hand gewickelt . Hat mich ne dreiviertel Stunde gekostet und war einfach sehr meditativ 🙂 Klar, wenn man ganz viel strickt und ganz viele Stränge hat, lohnt es sich vielleicht, aber ich wickel einfach gern von Hand und mag meine Wollbälle sehr gern 🙂

  8. Von Petra P. am 22. Januar 2018:

    Hallo Britta D.,

    das ist ja eine gute Idee mit den Mini Knäulen und den wenigeren Maschen für das Bündchen aber mit doppelten Faden, wegen Der Elastizität. Das probiere ich das nächste Mal auch aus. Vielen Dank!

    LG Petra

  9. Von Britta D. am 22. Januar 2018:

    Hallo, Petra P, den Trick habe ich vor 40 Jahren von meiner Oma gelernt…..die hat für viele Kinder stricken müssen, die haben die Bündchen strapaziert.
    die Bündchen sind dadurch auch viel stabiler und labbern an den Randmaschen nicht so aus, und die Zunahmen am unteren Bündchen lassen sich ganz gemütlich aus den Doppelfäden rausstricken, immer bei jeder 3. oder 4. Masche die Doppelfäden einzeln abstricken, probier es mal mit einer Maschenprobe. und wenn Du gleich mit gleicher Maschenzahl auf nur einen Faden wechselst gibt es einen dicken Wellrand, kann auch ganz nett aussehen.

  10. Von Petra P. am 23. Januar 2018:

    Hallo, Britta D.,

    vielen Dank für die netten Zeilen und nochmals für die Anregungen wegen dem Bündchen . Gut, dass Du vor 40 Jahren eine Oma hattest, von der Du das lernen konntest. Leider hatte ich keine Oma da mehr. Aber ich bin froh, dass ich jetzt mit 66 Jahren auch noch etwas dazu lerne. Denn, wie heißt der Spruch( Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an) und da halte ich mich mit allen möglichen Dingen dran und neue Ideen beim Stricken gehören auch dazu.
    Deshalb bin ich auch immer dankbar, wenn die jungen Frauen vom Lanade-Team solche tollen Beiträge im Blog schreiben.

    LG Petra

  11. Von Anja am 06. Februar 2018:

    Ach, endlich kommt dieser Beitrag – hab so lang drauf gewartet und es hat sich gelohnt! Einzig die Frage, wie ich bei einem bei top-down-gestrickten Pulli die Ärmel auch noch gleichmäßig hinkriege, ist noch nicht so ganz beantwortet…Ich mach es bisher so, dass ich, nachdem ich Ärmel und Körper getrennt habe, noch einige Runden mit meinen beiden (oder dreien – sicher, vielen Dank für den Geistesblitz!!!) weiterstricke, dann eins davon gegen ein neues austausche und es zurücklege für den ersten Ärmel, der dann mit diesem und einem anderen weitergestrickt wird. Dann wird wieder nach einer gewissen Zeit eins der beiden Knäuel gekappt, gegen ein anderes getauscht und für den zweiten Ärmel zurückgelegt.
    Puh, klingt das anstrengend oder mache ich eine Wissenschaft draus und es geht einfacher?

    • Von Antje am 06. Februar 2018:

      Hey Anja,
      freut mich 🙂 Ich achte auch darauf, dass zumindest die ersten Zentimeter der Ärmel mit mindestens einem identischen Knäuel gestrickt werden indem ich es, genau wie du beschrieben hast, zurücklege. Danach fallen leichte Unterschiede kaum noch auf weil man ohnehin meist mehr oder weniger Licht auf einem der beiden Ärmel hat. Bei sehr unterschiedlichen Partien kann man das Problem aber natürlich lösen indem man beide Ärmel mit sovielen Knäuel gleichzeitig strickt, wie man insgesamt auch für beide Ärmel braucht. Bei meinem Pulli oben hab ich ja schon den Body mit 3 Knäueln gestrickt. Für die Ärmel verwende ich die einfach weiter, sodass beide ziemlich identisch werden sollten 🙂

Neuen Kommentar schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.